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Versetzung gefährdet – Schule und Dienst sind nur schwer zu vereinbaren
Stand: 15.05.2006 | Autor: Susanne Lichte
Veröffentlicht in: aktuell, Nr. 19/06
- Zeitung für die Bundeswehr -

Unbenanntes Dokument
Versetzung gefährdet – Schule und Dienst sind nur schwer zu vereinbaren

Versetzungen gehören für Soldaten zum Berufsalltag. Für schulpflichtige Kinder sind sie oft eine große Belastung. Die Folge: Immer weniger Familien ziehen um. Der Arbeitgeber Bundeswehr will die Vereinbarkeit von Familie und Dienst verbessern.

"Die unterschiedlichen Schulsysteme sind ein großes Problem", sagt Barbara Treder. Sie ist die Vorsitzende des Soldatenfamilien-Netzwerkes. Das Netzwerk ist eine von mehreren selbst organisierten Initiativen von Frauen für Frauen in Bundeswehrfamilien. Frau Treder kennt die Probleme mit schulpflichtigen Kindern bestens; auch aus eigener Erfahrung. Als Offiziersgattin mit Sohn hat sie erlebt, was es heißt, mit Schulkind umzuziehen. Fünf Mal musste ihr Sohn Alexander die Schule wechseln und hatte große Schwierigkeiten damit. Schon der erste Wechsel von Kiel in Schleswig-Holstein ins niedersächsische Bückeburg katapultierte ihn von der klassischen vierstufigen Grundschule in das Modell der Orientierungsstufe. Sein bereits sicher geglaubter Zugang zum Gymnasium wurde plötzlich neu bewertet. Er kam auf die Realschule. Zwei Jahre später ging es zurück nach Schleswig-Holstein und wieder gelang es ihm nur mit großer Mühe und Nachhilfeunterricht, den Anschluss zu schaffen. "Die Kieler hatten ganz andere Lehrmethoden und waren schon viel weiter im Unterricht."

Immer mehr Familien pendeln

Um den Kindern solche Belastungen zu ersparen, entscheiden sich immer mehr Familien, nicht zum neuen Dienstort mit umzuziehen. Die meisten Bundeswehrfamilien ziehen es heute vor zu pendeln. Das belegt auch die Statistik: Im Jahr 2004 mussten rund 26.000 Soldatinnen und Soldaten im Inland den Standort wechseln. Bis zu 80 Prozent haben ihren Wohnort beibehalten. Das ergab eine von der Abteilung PSZ (Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten) im Bundesverteidigungsministerium erstellte Versetzungsauswertung. Die Gründe für die wachsende Umzugsunwilligkeit sind vielfältig. Zu den wichtigsten Kriterien zählen die Planungsunsicherheit wegen der hohen Versetzungshäufigkeit, die Berufstätigkeit der Ehe- oder Lebenspartner und – nicht zuletzt - die Situation der Kinder. "Weil aus dem Wohnortwechsel Nachteile für unsere Kinder entstehen würden", ist einer der am häufigsten genannten Gründe, für die Entscheidung, nicht umzuziehen. Das ermittelte die so genannte Pendlerstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr. "Die Umzugsunwilligkeit wird verschärft, wenn in den Familien Kinder vorhanden sind", heißt es in der Auswertung.

Auch der Sozialdienst der Bundeswehr bestätigt diesen Trend. Angegliedert an die Standortverwaltungen bietet er mit seinen diplomierten Sozialarbeitern und Sozialberatern bei familiären Problemen professionelle Ansprechpartner. Sie stehen den Familien mit Rat und Tat zur Seite. Auch ihre Erfahrung zeigt, dass bei der Entscheidung, Umzug ja oder nein, der Schulwechsel der Kinder eine wichtige Rolle spielt. "Der Trend, dass Familien einen Schulwechsel vermeiden und eine Pendelbeziehung auch über Jahre hinweg in Kauf nehmen, kann bestätigt werden", sagt Gabriele Hommola. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin beim Sozialdienst der Wehrbereichsverwaltung Nord und kennt auch die Folgen, die aus diesem Trend resultieren: Überforderung des allein erziehenden Partners, Konflikte in der Beziehung bis hin zu Trennungen.

Knick in der Schulkarriere

Aber die Sorge vieler Eltern um die schulischen Leistungen der Kinder ist offenbar größer und, wie es scheint, auch berechtigt. In jedem Bundesland gelten eigene Regeln. Schon im Kindergarten fangen die Unterschiede an. In einigen Ländern bestehen besondere Formen des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule, beispielsweise Vorklassen oder Schulkindergärten. Auch die Grundschule ist nicht einheitlich organisiert. In Berlin und Brandenburg umfasst sie sechs Jahrgangsstufen, in allen anderen Bundesländern nur vier. Die Gesamtschulen unterscheiden sich in so genannte kooperative und integrative Bildungsangebote und die Gymnasien bieten in einigen Bundesländern bereits das verkürzte Abitur an, das heißt, geprüft wird bereits in der 12. statt in der 13. Klasse.

Doch nicht nur in Struktur und Bildungsinhalten unterscheiden sich die Schulsysteme, auch im Leistungsniveau. Das haben zuletzt die Ergebnisse der nationalen PISA-Studie 2003 belegt. Untersucht nach den Leistungskompetenzen in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften zeigten die Schüler gravierende Unterschiede. Das größte Kompetenzgefälle bestand zwischen Bayern und Bremen. Die statistische Differenz entsprach einer Zeiteinheit von etwa eineinhalb Schuljahren, sagen die Experten.

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in Deutschland Konsequenzen nach sich gezogen. Gefordert wurden eine Harmonisierung in den Bildungsangeboten und eine Steigerung der Kompetenzen. Beide Punkte sind zentrale Aufgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), dem Zusammenschluss der Bildungs- und Kultusminister von Bund und Ländern. "Es wurden Bildungsstandards eingeführt", erklärt Andrea Schwermer. Sie ist die Referentin im Sekretariat der Schulabteilung der KMK. Bildungsstandards greifen allgemeine Lernziele auf und benennen Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler bis zu einer bestimmen Jahrgangsstufe erworben haben sollen, erklärt sie. Um die Standards weiterzuentwickeln und ihre Einhaltung zu überprüfen, wurde 2004 das Institut für Qualitätsentwicklung in Berlin ins Leben gerufen. Aber, so betont Andrea Schwermer: "Wir haben ein liberales und freies Bildungssystem". Die Gestaltung des Schul- und Bildungsangebotes ist damit Sache der Länder. Jedes Kind, das von einem in ein anderes Bundesland wechsele, habe mit Sicherheit "eine Übergangsphase" zu bewältigen. "Das bleibt nicht aus", räumt sie ein. Wohnortwechsel sind somit für die Schulkarrieren vieler Kinder ein Risiko.

Familienfreundlich und flexibel

Der Arbeitgeber Bundeswehr ist sich der Problematik bewusst und versucht, die Belastungen für die Familien zumindest in finanzieller Hinsicht abzufedern. So gilt für Familien, die nicht zum neuen Standort ziehen wollen, seit 2004 eine Sonderregelung zur Umzugskostenvergütung (UKV). Sie wurde mit Blick auf den anhaltenden Transformationsprozess erlassen und soll helfen, die erhöhten Mobilitätsanforderungen sozialverträglicher zu gestalten. Demnach wird den Betroffen derzeit die UKV auf Wunsch verweigert. Das klingt zunächst nach Leistungskürzung. Aber: Dieser Griff in die Verordnungstrickkiste erlaubt den Familien den Bezug von Trennungsgeld. Denn wer keine Umzugskostenvergütung erhält, hat automatisch Anspruch auf Trennungsgeld. Das gilt, solange es keine UKV-Zusage gibt; derzeit in vielen Fällen über Jahre.

"Die erleichterte Bewilligung von Trennungsgeld ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Hartmut Schönmeyer, vom Deutschen Bundeswehr Verband. Aber die finanzielle Unterstützung allein löse die Probleme nicht. "Wir brauchen ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um die nachteiligen Folgen von Versetzungen abzufedern". Ziel müsse es sein, die Bereitschaft der Familien zu erhöhen, ihren Wohnort zu wechseln. Das steigere die Dienstzufriedenheit der Soldaten und sei letztlich auch im Interesse des Dienstherren.

Tatsache ist: Auch die Bundeswehr sieht sich einem zunehmenden Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte ausgesetzt. Es wird auch für die Streitkräfte immer schwieriger, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. Dabei wird die Attraktivität des Arbeitgebers längst nicht mehr nur an finanziellen Angeboten gemessen. Immer wichtiger werden die sozialen Rahmenbedingungen: "Nur wer flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung bietet, wer bei der Wohnungssuche hilft, dem mitziehenden Partner eine Arbeitsstelle vermittelt und für die Kinder die besten Schulen findet, überzeugt", zitieren die Verfasser der Pendlerstudie.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt das Thema sozialverträgliche Dienstgestaltung derzeit viele in der Bundeswehr. Gemeinsam suchen der Bundeswehrverband, die Sozialdienste und Familienbetreuungseinrichtungen sowie das eigens geschaffene Referat "Familie und Dienst" im Führungsstab der Streitkräfte nach geeigneten Angeboten. Unter dem Stichwort "Vereinbarkeit von Familie und Dienst" sollen die Dienstbedingungen für Bundeswehrfamilien erleichtert werden. Dazu zählen, neben flexibleren Dienstzeiten, ein ausgeweitetes Angebot an Heimarbeitsplätzen und eine verbesserte Kinder- und Familienbetreuung. Das Ziel lautet, ein positives Klima für Bundeswehrfamilien zu schaffen.


 

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