Versetzungen gehören für Soldaten zum Berufsalltag. Für
schulpflichtige Kinder sind sie oft eine große Belastung. Die Folge: Immer
weniger Familien ziehen um. Der Arbeitgeber Bundeswehr will die Vereinbarkeit
von Familie und Dienst verbessern.
"Die unterschiedlichen Schulsysteme sind ein großes
Problem", sagt Barbara Treder. Sie ist die Vorsitzende des
Soldatenfamilien-Netzwerkes. Das Netzwerk ist eine von mehreren selbst
organisierten Initiativen von Frauen für Frauen in Bundeswehrfamilien. Frau
Treder kennt die Probleme mit schulpflichtigen Kindern bestens; auch aus
eigener Erfahrung. Als Offiziersgattin mit Sohn hat sie erlebt, was es heißt,
mit Schulkind umzuziehen. Fünf Mal musste ihr Sohn Alexander die Schule
wechseln und hatte große Schwierigkeiten damit. Schon der erste Wechsel von
Kiel in Schleswig-Holstein ins niedersächsische Bückeburg katapultierte ihn von
der klassischen vierstufigen Grundschule in das Modell der Orientierungsstufe.
Sein bereits sicher geglaubter Zugang zum Gymnasium wurde plötzlich neu
bewertet. Er kam auf die Realschule. Zwei Jahre später ging es zurück nach
Schleswig-Holstein und wieder gelang es ihm nur mit großer Mühe und
Nachhilfeunterricht, den Anschluss zu schaffen. "Die Kieler hatten ganz
andere Lehrmethoden und waren schon viel weiter im Unterricht."
Immer mehr Familien pendeln
Um den Kindern solche Belastungen zu ersparen, entscheiden sich immer mehr
Familien, nicht zum neuen Dienstort mit umzuziehen. Die meisten
Bundeswehrfamilien ziehen es heute vor zu pendeln. Das belegt auch die
Statistik: Im Jahr 2004 mussten rund 26.000 Soldatinnen und Soldaten im Inland
den Standort wechseln. Bis zu 80 Prozent haben ihren Wohnort beibehalten. Das
ergab eine von der Abteilung PSZ (Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten)
im Bundesverteidigungsministerium erstellte Versetzungsauswertung. Die Gründe
für die wachsende Umzugsunwilligkeit sind vielfältig. Zu den wichtigsten
Kriterien zählen die Planungsunsicherheit wegen der hohen
Versetzungshäufigkeit, die Berufstätigkeit der Ehe- oder Lebenspartner und –
nicht zuletzt - die Situation der Kinder. "Weil aus dem Wohnortwechsel
Nachteile für unsere Kinder entstehen würden", ist einer der am häufigsten
genannten Gründe, für die Entscheidung, nicht umzuziehen. Das ermittelte die so
genannte Pendlerstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr.
"Die Umzugsunwilligkeit wird verschärft, wenn in den Familien Kinder
vorhanden sind", heißt es in der Auswertung.
Auch der Sozialdienst der Bundeswehr bestätigt diesen Trend. Angegliedert an
die Standortverwaltungen bietet er mit seinen diplomierten Sozialarbeitern und
Sozialberatern bei familiären Problemen professionelle Ansprechpartner. Sie
stehen den Familien mit Rat und Tat zur Seite. Auch ihre Erfahrung zeigt, dass
bei der Entscheidung, Umzug ja oder nein, der Schulwechsel der Kinder eine
wichtige Rolle spielt. "Der Trend, dass Familien einen Schulwechsel vermeiden
und eine Pendelbeziehung auch über Jahre hinweg in Kauf nehmen, kann bestätigt
werden", sagt Gabriele Hommola. Sie ist
Diplom-Sozialpädagogin beim Sozialdienst der Wehrbereichsverwaltung Nord und
kennt auch die Folgen, die aus diesem Trend resultieren: Überforderung des
allein erziehenden Partners, Konflikte in der Beziehung bis hin zu Trennungen.
Knick in der Schulkarriere
Aber die Sorge vieler Eltern um die schulischen Leistungen der Kinder ist
offenbar größer und, wie es scheint, auch berechtigt. In jedem Bundesland
gelten eigene Regeln. Schon im Kindergarten fangen die Unterschiede an. In
einigen Ländern bestehen besondere Formen des Übergangs vom Kindergarten in die
Grundschule, beispielsweise Vorklassen oder Schulkindergärten. Auch die
Grundschule ist nicht einheitlich organisiert. In Berlin und Brandenburg
umfasst sie sechs Jahrgangsstufen, in allen anderen Bundesländern nur vier. Die
Gesamtschulen unterscheiden sich in so genannte kooperative und integrative
Bildungsangebote und die Gymnasien bieten in einigen Bundesländern bereits das
verkürzte Abitur an, das heißt, geprüft wird bereits in der 12. statt in der
13. Klasse.
Doch nicht nur in Struktur und Bildungsinhalten unterscheiden sich die
Schulsysteme, auch im Leistungsniveau. Das haben zuletzt die Ergebnisse der
nationalen PISA-Studie 2003 belegt. Untersucht nach
den Leistungskompetenzen in den Bereichen Mathematik, Lesen und
Naturwissenschaften zeigten die Schüler gravierende Unterschiede. Das größte
Kompetenzgefälle bestand zwischen Bayern und Bremen. Die statistische Differenz
entsprach einer Zeiteinheit von etwa eineinhalb Schuljahren, sagen die
Experten.
Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in
Deutschland Konsequenzen nach sich gezogen. Gefordert wurden eine
Harmonisierung in den Bildungsangeboten und eine Steigerung der Kompetenzen.
Beide Punkte sind zentrale Aufgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), dem
Zusammenschluss der Bildungs- und Kultusminister von Bund und Ländern. "Es
wurden Bildungsstandards eingeführt", erklärt Andrea Schwermer.
Sie ist die Referentin im Sekretariat der Schulabteilung der KMK.
Bildungsstandards greifen allgemeine Lernziele auf und benennen Kompetenzen,
die die Schülerinnen und Schüler bis zu einer bestimmen Jahrgangsstufe erworben
haben sollen, erklärt sie. Um die Standards weiterzuentwickeln und ihre
Einhaltung zu überprüfen, wurde 2004 das Institut für Qualitätsentwicklung in
Berlin ins Leben gerufen. Aber, so betont Andrea Schwermer:
"Wir haben ein liberales und freies Bildungssystem". Die Gestaltung
des Schul- und Bildungsangebotes ist damit Sache der Länder. Jedes Kind, das
von einem in ein anderes Bundesland wechsele, habe mit Sicherheit "eine
Übergangsphase" zu bewältigen. "Das bleibt nicht aus", räumt sie
ein. Wohnortwechsel sind somit für die Schulkarrieren vieler Kinder ein Risiko.
Familienfreundlich und flexibel
Der Arbeitgeber Bundeswehr ist sich der Problematik bewusst und versucht,
die Belastungen für die Familien zumindest in finanzieller Hinsicht abzufedern.
So gilt für Familien, die nicht zum neuen Standort ziehen wollen, seit 2004
eine Sonderregelung zur Umzugskostenvergütung (UKV). Sie wurde mit Blick auf
den anhaltenden Transformationsprozess erlassen und soll helfen, die erhöhten
Mobilitätsanforderungen sozialverträglicher zu gestalten. Demnach wird den
Betroffen derzeit die UKV auf Wunsch verweigert. Das klingt zunächst nach
Leistungskürzung. Aber: Dieser Griff in die Verordnungstrickkiste erlaubt den
Familien den Bezug von Trennungsgeld. Denn wer keine Umzugskostenvergütung
erhält, hat automatisch Anspruch auf Trennungsgeld. Das gilt, solange es keine UKV-Zusage gibt; derzeit in vielen Fällen über Jahre.
"Die erleichterte Bewilligung von Trennungsgeld ist ein Schritt in die
richtige Richtung", sagt Hartmut Schönmeyer, vom
Deutschen Bundeswehr Verband. Aber die finanzielle Unterstützung allein löse
die Probleme nicht. "Wir brauchen ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um die
nachteiligen Folgen von Versetzungen abzufedern". Ziel müsse es sein, die
Bereitschaft der Familien zu erhöhen, ihren Wohnort zu wechseln. Das steigere
die Dienstzufriedenheit der Soldaten und sei letztlich auch im Interesse des Dienstherren.
Tatsache ist: Auch die Bundeswehr sieht sich einem zunehmenden Wettbewerb um
die besten Arbeitskräfte ausgesetzt. Es wird auch für die Streitkräfte immer
schwieriger, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. Dabei wird die Attraktivität
des Arbeitgebers längst nicht mehr nur an finanziellen Angeboten gemessen.
Immer wichtiger werden die sozialen Rahmenbedingungen: "Nur wer flexible
Arbeitszeiten und Kinderbetreuung bietet, wer bei der Wohnungssuche hilft, dem
mitziehenden Partner eine Arbeitsstelle vermittelt und für die Kinder die
besten Schulen findet, überzeugt", zitieren die Verfasser der
Pendlerstudie.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt das Thema sozialverträgliche
Dienstgestaltung derzeit viele in der Bundeswehr. Gemeinsam suchen der
Bundeswehrverband, die Sozialdienste und Familienbetreuungseinrichtungen sowie
das eigens geschaffene Referat "Familie und Dienst" im Führungsstab der
Streitkräfte nach geeigneten Angeboten. Unter dem Stichwort "Vereinbarkeit
von Familie und Dienst" sollen die Dienstbedingungen für
Bundeswehrfamilien erleichtert werden. Dazu zählen, neben flexibleren
Dienstzeiten, ein ausgeweitetes Angebot an Heimarbeitsplätzen und eine
verbesserte Kinder- und Familienbetreuung. Das Ziel lautet, ein positives Klima
für Bundeswehrfamilien zu schaffen.