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SHAPE
Rückkehr einer “Großfamilie” nach Deutschland

Unbenanntes Dokument
Rückkehr von SHAPE nach Deutschland

Mal wieder eine Personalabfrage, was stellen Sie sich als weiteren Werdegang vor… doch die gewünschte Verlängerung der Stehzeit am Auslandsdienstposten um ein weiteres Jahr, damit die Kinder die Grundschule bzw. den Kindergarten komplett abschließen und ein zusätzlicher Wechsel des Umfeldes für sie umgangen werden könnte, fand leider keine Berücksichtigung. Wenn das so wichtig sei, könne die Familie ja am Standort bleiben und der Soldat das ¾ Jahr pendeln, wurde vorgeschlagen – unberücksichtigt blieb die Tatsache, dass das bei Auslandsstandorten praktisch unmöglich ist, dass die Familie „ohne Grund“ d.h. ohne den dort Dienst leistenden Soldaten gar keine Zutrittsberechtigungen usw. mehr besäße und auch der Mietvertrag nur auf den Soldaten und seine Stehzeit lief… – Pendeln ist heutzutage eben „in“.

Immerhin wurde so schon sehr zeitig klar, dass definitiv ein Wechsel bevorstand, und bereits im Januar kam die Versetzungsverfügung zum Juli, so war ausreichend Zeit für die Umzugsvorbereitungen. Sofort kümmerten wir uns um die Spedition zum Wunschtermin (die Ferienzeit ist immer so beliebt), und wir schrieben, unterstützt von der „neuen“ Wohnungsfürsorge, eifrig Makler an. Leider war die Ausbeute sehr mau, entweder es kam gar keine Reaktion oder die lapidare Aussage, man kümmere sich nur um An- und Verkauf. Also doch wieder selber suchen gehen, ein Hoch auf das Internet. Über die einschlägigen Seiten fand sich am Ende doch eine Maklerin, die kompetent zu helfen versuchte. Schon bald war absehbar – so einfach wird es nicht. Drei Kinder sind mindestens eines zu viel, im deutschen 08/15-Standardhaus sind nur zwei Kinderzimmer vorgesehen, und die dann auch so geschnitten, dass keine Doppelbelegung zumutbar wäre. Mit den einzigen Bedingungen „vier Schlafräume, gute Erreichbarkeit von einer Grundschule und zumutbare Nähe zu den weiterführenden Schulen“ begann die Suche… das alte Haus musste zur Einhaltung der Fristen bereits gekündigt werden, immer ein mulmiges Gefühl  *g* Die Angebote im Internet waren sehr spärlich, die Wohnungsfürsorge vertröstete uns, da es noch viel zu früh sei (als würden die Häuser über die Wochen noch wachsen? ), immerhin bekamen wir eine mündliche Zusage, dass eine doppelte Mietzahlung aufgrund schwieriger Wohnungslage in Aussicht gestellt werden könnte. Glücklicherweise waren die auf eigene Faust unternommenen „Spähtrupps“ zur neuen Umgebung diesmal problemlos als Tagesfahrten zu erledigen, Ausland kann näher sein als so mancher Inlandsposten… Schließlich starteten wir doch „endlich“ zu einer Besichtigungstour, zwei Makler stellten passende Häuser in Aussicht. Offenbar herrschte aber ein Verständigungsproblem, was unter „zumutbarem dritten Kinderzimmer“ zu verstehen ist, manches war nicht mal ein besserer Abstellraum, teilweise war die Deckenhöhe durchgehend unter 2 m… nein danke. Doch das dient nun nur noch als Anekdote, denn UNSER Haus war auch dabei! Zwar müssen wir Eltern jetzt im Keller schlafen, aber es hat auch Vorteile, durch zwei Stockwerke von den Kindern getrennt zu sein *g*. Die Entfernung zur Kaserne war im Rahmen, die Grundschule in 20 min zu Fuß erreichbar, Neubaugebiet - wir sagten sofort zu, wir sind schlechte Pokerspieler.

Natürlich gab es viele „na siehste, ganz umsonst aufgeregt“; doch nach dieser großen Hürde konnte ich beruhigt an die Umzugsvorbereitungen gehen, einen Kindergartenplatz beantragen, die neue Schule informieren und nach einem Schnuppertag fragen und all die anderen 1.000 Kleinigkeiten in Angriff nehmen, die Zeit haben wir schon gut gebrauchen können –allein schon die Hin- und Herschickerei des Mietvertrages dauerte seine Zeit... Die Vorab-Übergabezeit am neuen Standort nutzte mein Mann abends für kleine Tapezierarbeiten im neuen Haus, das seltsamerweise noch gar nicht fertig war, die Renovierungsarbeiten wurden immer umfangreicher, und das bei einem knapp 10 Jahre alten Haus. Während mein Mann sich um den Verwaltungskram am alten Standort kümmerte, übernahm ich die „Wiedereingliederung“ in Deutschland. Es hat durchaus seine Vorteile, bürokratische Hürden in der Muttersprache in Angriff nehmen zu können… Die Abwicklung am Auslandsdienstort verlief routiniert, das ist vielfach erprobt und ein Abarbeiten des erweiterten Laufzettels, und spezielle auslandsspezifische Probleme stellten sich nicht. Unsicher waren wir, wie die Hausübergabe funktionieren würde, das belgische Mietrecht ist sehr VERmieterfreundlich. Vorsichtshalber luden wir unseren Hausbesitzer bereits einige Wochen vor dem eigentlichen Auszug zu einer Vorbesichtigung ein und waren beruhigt, dass er sich offensichtlich schon allein darüber freute, dass das Haus noch stand *g*. Das schwierigste waren eigentlich die vielen, vielen (eigenen und fremden) Abschiedsfeiern, einerseits schön, so viele Urlaubsadressen im Ausland sammeln zu können, andererseits werden Wiedersehen dadurch schwerer.

Der eigentliche Umzug – wunschgemäß erneut übers Wochenende - verlief problemlos, die Spedition arbeitete wieder gut, und bald war alles verladen – eine kleine Zitterpartie war, dass sie zwischendurch den zweiten LKW-Hänger absagten. Sie waren am ersten Tag mit LKW und Hänger gekommen, die Truppe sollte am nächsten Tag durch ein weiteres Gespann unterstützt werden, und nun peilten sie über den Daumen… aber es passte um Haaresbreite, nur wollte niemand mehr die Türen öffnen *g*

Nach einem langen Abend mit Dübellöchern, Staubsauger, Wischmop & Co und einer letzten Übernachtung in der Kaserne erwarteten wir unseren Vermieter. Der ging durchs Haus, nickte freundlich, gab uns die Freigabe für die Kaution – und nach 10 min verabschiedeten wir uns! Tschüs Belgien, schön war´s hier gewesen.

 

Tja, schon hatte uns die „gute deutsche Gründlichkeit und Zuverlässigkeit“ wieder… wir hatten die Übergabe des neuen Domizils mit dem Vermieter für den Samstag abgesprochen, doch plötzlich war der im Urlaub „aber Ihr Mann hat ja schon einen Haustürschlüssel, also dann bis nächste Woche“. Nun gut, was blieb uns übrig – ich strickte mein eigenes Übergabeprotokoll, machte Fotos und versuchte den Renovierungsstaub von den Fliesen zu kriegen, ehe am folgenden Tag die Spedition vor der Tür stand. Auch diesmal verlief es ohne größere Katastrophen, unser Möbelplan passte. Mein Mann sauste durch die Gegend und meldete uns und die Autos schon mal an – auch das kein Problem, obwohl ein Auto in Dtl und eines in Belgien gekauft, die Papiere hatten wir alle zusammen (es waren unterschiedliche Aussage getroffen worden was benötigt würde, aber auch da rettete uns schließlich wieder das liebe Internet). Die üblichen Meckereien der Möbelleute ließen wir an uns abprallen, die alten Möbel seien schon so oft auf- und abgebaut worden dass sie ja fast nicht mehr hielten, die neuen Möbel wären so schwer und massiv und „sind Sie sicher dass sie die Kartons nicht lieber doch selber auspacken wollen“ – …*g* Am folgenden Tag begann mein Mann seinen Dienst und ich sammelte die Kinder ein –Großeltern, die die Kinder für drei Tage hüteten, erleichterten die Sache doch erheblich!

Und dann? Mein Mann ging völlig im Dienst auf, wie neue Posten eben so sind, Einarbeitung, Überstunden und Dienstreisen gleich im ersten Monat, die Kinder hatten noch Ferien und wir versuchten uns einzuleben. Frustrierend war die vielzitierte „Servicewüste Deutschland“, bis wir endlich Bankgeschäfte, Internet & Co wieder im Griff hatten. Oft vermisse ich die belgische Gelassenheit in den Geschäften, alles muss immer schnell-schnell gehen…  Erheblich vereinfacht wurde das Wohlfühlen indem wir uns ein Haustier anschafften, man kann Kinder so schön bestechen *g* Dann begannen Kindergarten und Schule, ich konnte recht einfach auch passende Sportkurse für die Kinder finden zu denen sie tapfer hinstapften „ich kenn zwar keinen, aber die sprechen ja alle deutsch“ wurde eine ermutigende Beschwörungsformel für sie. Wir versuchten uns an einem neuen Alltag und ich war gespannt, wie die Großen den ersten Schulwechsel erleben würden: sie gingen beide sehr pragmatisch dran, Augen zu und durch. Ich beschloss vorsichtshalber nervende Mama zu spielen und hielt engen Kontakt zu den Lehrern. Leider wurde auf die Situation der Kinder kaum Rücksicht genommen, lebt euch ein, wie, das ist eure Sache, hieß die Devise der Schule. Schade, das hätte ihnen auch leichter gemacht werden können, von einer Grundschule habe ich mehr erwartet (und es auch gefordert…). Inzwischen haben sich die Kinder gut eingelebt, sie sind nur beleidigt, dass die alten Schulkameraden nicht zurückschreiben. Das ist eine harte Lektion die sie noch öfter erleben werden, und die Kleinste fragt weiterhin in jedem Laden „die sprechen  hier ja auch deutsch?!“ *g*

Was haben wir mitgenommen? Mein Mann auf dienstlicher Ebene natürlich viel, aber darüber hinaus auch für uns beide interessante Einblicke in die andere Weltsicht und die unterschiedlichen Einstellungen der anderen Nationen gegenüber den Deutschen, den anderen Nationen und gegenüber Gott und der Welt, manche auf internationalem/politischen Parkett getroffenen Entscheidungen sind jetzt leichter nachvollziehbar (da reicht es z.B. schon, einmal an einem Ball der Amerikaner teilgenommen haben zu dürfen…). Für uns alle das Gefühl, wie man sich als Ausländer fühlen kann. Was hilfreich ist, was negativ in Erinnerung bleibt dabei. Ein bisschen Weltoffenheit v.a. bei den Kindern, die Erkenntnis „es gibt andere die anders handeln, denken, reden – aber trotzdem sind die Unterschiede so groß denn doch nicht“ (um die Fragen gleich abzuschmettern: so immense Fremdsprachenkenntnisse nehmen meine Kinder nicht mit, aber sie haben keine Hemmungen sich mit Zeichensprache zu verständigen…).

Der Abschied von einem Standort, an dem man sich wohl fühlte, ist nie leicht, und umso schwerer fällt es, dem neuen Standort eine faire Chance zu geben. Mir fehlt der „heileWeltKokon“ (vor allem das Familiäre in der Schule) für die Kinder, deswegen gerät leicht aus dem Blick wie viel freier und selbstständiger sie sich hier entwickeln und sein können. Mir fehlt der „dörfliche“ Charakter des Auslandspostens, dieses jeder-kennt-jeden; ob man sich nun mochte oder nur akzeptierte, man gehörte zu dieser Gruppe dazu, während man hier wieder als Einzelkämpfer dasteht. Kein Willkommensfrühstück, um die Neuen zu beschnuppern, keine Tipps von den alten Hasen, keine Offenheit und Neugier und Hilfsbereitschaft… Am Auslandsstandort trifft man noch die „alten“ Strukturen, viele Soldaten eben noch samt Familie(!) - und diese Soldatenfamilien hatten gleiche Gesprächsthemen (nicht zuletzt Umzüge, Leben im Ausland oder Einsätze) und wir wurden dort freundlich aufgenommen. Hier haben wir noch keinen so offenen, spontanen Umgang erfahren, obwohl es eigentlich mehr Möglichkeiten gäbe. Die sprachlichen Hürden sind weggefallen (die uns als Herausforderung eher gefallen hatten), aber der hiesige Menschenschlag ist sehr „verwurzelt“ und bleibt lieber unter seinesgleichen und ist uns damit fremder als manche Soldatenfamilie aus weit entfernt liegenden Nationen. Und auch der am Auslandsposten neu belebte sonntägliche Kirchgang schläft hier langsam wieder ein, denn Kirche besteht nicht mehr aus „Kirchkaffee und Klönschnack“ sondern besinnt sich auf „Bibel und Beten“.

Von einer privilegierten, aufregenden, bunten und internationalen Welt nun wieder in die Masse abzutauchen ist schlicht langweilig -vielleicht werde ich auch nur alt und unflexibel?

Eine Soldatenfamilie im Inland wird doch meist beäugt mit einem „oh, wie belastend“.

Eine Soldatenfamilie mit Auslandserfahrung erfährt immer wieder ein „ohhh, wie aufregend“…

 

Keine Angst also ins Ausland zu gehen – es könnte nur sein, dass man nicht wieder zurück will J