Die Augen waren Robert an Audrey sofort aufgefallen. Sie
strahlten mit ihrem Lächeln um die Wette, und sie waren der Grund, warum er
vier Monate in Deutschland auf Audrey wartete, bis sie von ihrem Einsatz im
Kosovo zurückgekehrt war. Dort hatten sie sich kennengelernt; er, der
Berufssoldat, und sie, die Verwaltungsangestellte der Bundeswehr. Am Flughafen
in Köln holte er sie ab und küsste sie zum ersten Mal. Zwei Wochen später waren
sie verlobt, ein halbes Jahr später verheiratet.
Fast fünf weitere Jahre später sitzen die beiden auf der
Couch in ihrem Wohnzimmer in der Nähe von Bonn, zwischen sich ihre dreijährige
Tochter Annemieke. Robert ist gerade vom Dienst nach
Hause gekommen, es ist bald Zeit für das Abendbrot. Doch dieses idyllische
Familienleben ist für die drei nicht selbstverständlich. Denn im vergangenen
Oktober musste der 36-jährige Hauptfeldwebel Robert zum ISAF-Einsatz nach
Afghanistan. „Wir sind beide bei der Bundeswehr, Auslandseinsätze waren also
ganz normal“, sagt Audrey.
Als Annemieke kam, entschied
das Ehepaar jedoch: „Es reicht, wenn einer geht.“ Und genau das tat Robert im
Oktober. „Der erste Einsatz als Familie – das hat eine ganz andere Qualität“,
sagt Audrey. „Wir wollten unbedingt vermeiden, dass unsere Tochter durch den
Einsatz einen Knacks bekommt.“ Deshalb sprachen sie mit einem Psychologen und
mit Freunden und Bekannten, die ähnliche Erfahrungen hinter sich hatten. „Das
Netzwerk, das man durch die Bundeswehr hat, hat uns dabei sehr geholfen“,
erinnert sich Audrey. Doch auf alles kann man sich nicht vorbereiten.
Der Tochter den Alltag ermöglichen
Fast fünf Monate des Einsatzes liegen bereits hinter der
kleinen Familie. In wenigen Tagen soll Robert vom Außenposten OP North wieder
in das große Lager in Mazar-e-Sharif verlegt werden,
als Audreys Kollegin sie an diesem 18. Februar 2011, einem Freitag, fragt, ob
sie schon die Nachrichten gehört habe. „In Nordafghanistan gab es einen
Anschlag“, teilt sie ihr mit. Audrey beruhigt sich selbst: „Nordafghanistan ist
groß, das kann überall passiert sein.“
Aber es ist nicht überall passiert, sondern genau da, wo
Robert stationiert ist, an dem Stützpunkt, der als einer der gefährlichsten
gilt. Jede Minute, die vergeht, zerrt nun an Audreys Nerven. „Ich wusste, dass
ich ihn nicht erreichen würde und hab’ es trotzdem auf dem Handy versucht.“ Sie
erreicht ihn nicht. Verwandte, Freunde, Bekannte rufen an, machen sich Sorgen.
Audrey beruhigt sie, obwohl sie selbst nicht ruhig ist: „Keine Nachrichten sind
gute Nachrichten, das habe ich ihnen und mir selbst immer wieder vorgebetet.“
So lange wie möglich harrt sie an diesem Tag bei der Arbeit im
Dienstleistungszentrum in Bonn aus, damit Robert sie vielleicht über den
Dienstweg erreichen kann.
„Als ich auf den letzten Drücker zum Kindergarten gerast
bin, kamen dann doch die ersten Tränen“, sagt sie. „Und dann ist die Kleine da,
und ich muss versuchen, ganz normal zu sein.“ Audrey holt ihre Tochter ab,
fährt mit ihr nach Hause. Die Dreijährige plappert wie immer drauflos, erzählt,
was sie im Kindergarten erlebt hat. Die Mama muss ihrer Tochter den Alltag
ermöglichen, den sie braucht. Doch mit jeder Minute ohne Nachricht steigt die
Anspannung. Endlich – sie telefoniert gerade mit ihrem Vater – kommt die
ängstlich erwartete SMS. Es ist inzwischen früher Abend, mehr als vier Stunden
sind seit dem Anschlag vergangen, Stunden bangen Wartens. Audrey schaut aufs
Handy, die Nachricht ist von Robert: „Bei uns ist alles i.O.
Ich liebe euch.“
„Mama, wir schaffen das.“
„Diese paar Worte, nicht mal eine ganze Zeile – und auf
einmal fällt alles von einem ab“, erinnert sie sich. Wegen der
Nachrichtensperre durfte ihr Mann sich nicht vorher bei ihr melden. Da sie
selbst bei der Bundeswehr arbeitet, weiß sie das – „aber gegen das Kino im Kopf
kann man nichts machen“, sagt sie. Drei Bundeswehr-Soldaten sind bei dem
Anschlag im OP North ums Leben gekommen, weitere wurden verwundet – doch Robert
ist nichts passiert.
Audrey und ihr Mann haben immer offen über den Einsatz
und die Gefahren gesprochen. Ihrer Tochter jedoch wollen sie nur das zumuten,
was ein dreijähriges Kind auch verarbeiten kann. „Sie wusste, ihr Papa ist in
Afghanistan und arbeitet dort, und sie weiß, er ist Soldat“, sagt Audrey. Annemieke hat ihren Vater ohnehin immer bei sich: in Form
einer „Papa-Puppe“, einem Kissen, auf dessen Vorderseite ein Bild Roberts in
Uniform gedruckt ist. Mit diesem Kissen im Arm schläft sie jeden Abend ein,
nachdem die Mutter mit ihr gebetet hat: „Die Nacht bricht an über Stadt und
Feld, Gott segne die Erde, behüte die Welt – auch meinen Papa.“ Als Audrey
dabei einmal die Tränen kommen, nimmt ihre kleine Tochter sie plötzlich in den
Arm und sagt: „Mama, wir sind ganz tapfer, wir schaffen das.“
Die Familie entwickelt Strategien, um dem Kind die
Trennung zu erleichtern. Für jeden Tag, den ihr Papa weg ist, darf sich Annemieke ein Bonbon aus einem großen Glas nehmen, das in
der Küche steht. Am Rosenmontag schließlich ist das Glas leer – und Papa wieder
da. Direkt vom Karnevalszug aus, noch in ihrem Löwenkostüm, fährt Annemieke mit ihrer Mutter zum Flughafen. Und dort kann sie
endlich wieder ihren echten Papa umarmen. Wie viel die Tochter von den
Ereignissen am 18. Februar mitbekommen hat, wissen die Eltern nicht. Einen
Schaden scheint Annemieke nicht davongetragen zu
haben: Fröhlich singend hüpft sie auf dem Sofa auf und ab – und ihre Augen
strahlen dabei.
Das hilft
Linktipps
Bei www.soldatenfamilien-netzwerk.de
kann die Puppe Knuddy bestellt werden. Bei www.frauzufrau.de sprechen
Angehörige von Soldaten im Einsatz über ihre Gefühle.
Buchempfehlung
Unter dem Titel
„Papa ist Soldat“ sind mittlerweile zwei Bücher erschienen, die die Bundeswehr
kindgerecht erklären. Der erste Band schildert aus der Sicht eines kleinen
Jungen den Afghanistan-Einsatz des Vaters – Vorbereitung, Abschied,
Trennungsphase – bis zur Rückkehr. In Band zwei geht es, wiederum aus der Sicht
des Kindes, um den Soldatenberuf an sich und den Alltag einer Soldatenfamilie.
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