KNUDDY
Flyer

Kissen
Flyer

 

 

Die Arbeit des SOLDATENFAMILIEN-
NETZWERK
wird unterstützt von:

Serco GmbH, Bonn

Auf ins Land, wo die Zitronen blühen
Unser Umzug nach Neapel

Unbenanntes Dokument
Auf ins Land, wo die Zitronen blühen

Wohl kaum ein anderer EU-Staat regt die Phantasie von uns Deutschen so an wie Italien: Spätestens seit Goethe ist es für uns das Land, wo die Zitronen blühen und das Leben einfach schöner ist. Mit Neapel allerdings verbinden viele nicht Sonne, Meer und Dolce Vita, sondern vielmehr Mafia, Morde und Diebstähle. Dementsprechend zwiespältig waren die Reaktionen, als wir von der Versetzung nach Neapel erzählten. „Oh toll, ihr Glücklichen! Wir kommen euch unbedingt besuchen“, sagten die einen. „Um Gottes Willen. Macht ihr Euch denn keine Sorgen?“ fragten die anderen. Und wir? Nun, wir wussten, dass es beide Seiten gibt. Trotzdem wollten wir unbedingt nach Neapel, wo die Nato eines ihrer Hauptquartiere betreibt. Wir, das sind mein Mann Jens, Oberstleutnant i. G., unsere Kinder Imogen (7) und Kilian (2) sowie die Verfasserin Ina, freiberufliche Journalistin. Nun sind wir seit sechs Monaten hier und haben den Schritt nicht bereut – im Gegenteil.

Mit den Umzugsvorbereitungen fingen wir an, sobald wir die Versetzung schriftlich hatten. Das war Ende Mai 2005, mein Mann wurde zum 1. Oktober versetzt. Unsere erste Idee, in den Sommerferien umzuziehen, schlugen wir uns schnell aus dem Kopf. Zu viele Formalitäten waren zu erledigen, wir hatten beide berufliche Verpflichtungen, und ein geeignetes Dach über den Kopf findet man in 2000 Kilometern Entfernung auch nicht mal eben. Zumal Neapel kein einfaches Pflaster ist. Man kann nicht einfach, wie in Deutschland, im Internet nach Mietangeboten recherchieren, eine Vorauswahl treffen und hinfahren. Das Internet ist hier noch nicht so verbreitet wie in Deutschland, wo ja eigentlich jeder unterhalb des Rentenalters online ist und jedes Unternehmen sowieso. Auch lässt sich aus der Ferne nicht abschätzen, ob eine Miete realistisch ist oder ob der Anbieter seriös ist.

Die deutsche Delegation hier vor Ort hat die Aufgabe, für ihre Angehörigen Wohnraum zu finden, jedoch gut gelöst: Sie arbeitet mit festen Maklern zusammen, und jedem Neuankömmling wird ein so genannter Sponsor zur Seite gestellt. Der Sponsor ist eine deutsche Familie, die schon länger hier lebt und daher weiß, welche Formalitäten erledigt werden müssen und worauf man bei den Häusern achten sollte. Idealerweise ähneln sich die familiären Verhältnisse von Sponsor und Mentee – kinderlosen Paaren wird ein kinderloser Sponsor zur Seite gestellt, Familien mit Schulkindern wie wir bekommen auch einen Sponsor mit Schulkind. Das macht Sinn, da es hier keine deutsche Schule gibt, wo man seine Kinder vermutlich ohne viel Überlegen hinschicken würde. Es gibt mehrere internationale Schulen und natürlich die italienischen, die jedoch ganz anders strukturiert sind als die deutschen.

Neapel und die Region waren uns aus Urlaubsreisen und da Freunde vor uns hierher versetzt wurden, schon bekannt – so gehörten zwar Recherchen über Stadt und Land zur Vorbereitung, standen aber nicht im Mittelpunkt. Auch über Sprachkurse vor dem Umzug machten wir uns keine Gedanken: Der geschätzte Ehemann hatte ohnehin keine Zeit dazu, die Verfasserin indes spricht seit ihrem Studium so leidlich Italienisch, dass wir wussten, wir würden hier nicht verhungern müssen.

Ein großer Teil der Zeit wurde von Auseinandersetzungen mit diversen Behörden und Versicherungen in Anspruch genommen. Ein dickes Lob gilt dem Amt für Wehrverwaltung, das die Auslandsumzüge betreut: Die diversen Anträge für alles Mögliche sind zwar unglaublich verschachtelt und kompliziert, unsere Fragen wurden aber immer freundlich und geduldig beantwortet. Und zwar so, dass wir schließlich verstanden, was wir zu tun hatten und warum. Gleiches gilt für die Finanzämter: Wer als Beamter ins Ausland versetzt wird, bleibt trotzdem beim deutschen Staat steuerpflichtig. Hat man keinen inländischen Wohnsitz mehr, so ist das Finanzamt zuständig, in dessen Bereich die Behörde liegt, die das Gehalt auszahlt. Soweit, so viel Routine. Da aber in unserem Fall eine Freiberuflerin mit umzieht, die beabsichtigt, früher oder später auch aus dem Ausland heraus tätig zu sein, kamen die Finanzbeamten gehörig ins Schleudern – machten sich aber gern für uns schlau und halfen uns weiter. Wirklich toll, von der viel gescholtenen Muffeligkeit und Unfähigkeit deutscher Beamten haben wir nichts gesehen.

Nicht so erquicklich waren die Versicherungen. Das liegt auch an der komplizierten europäischen Rechtslage, die es den Anbietern nur ausnahmsweise oder auch gar nicht erlaubt, Leute im Ausland zu versichern. Obendrein gilt Neapel eben als heikel für Autos und Hausrat, so dass mehrere Anbieter einfach nur abgewunken haben. Andere forderten höhere Zuschläge, was – jedenfalls in gewissen Grenzen – okay ist. Richtig kompliziert war es mit den Krankenkassen. Wenn nicht vor der Versetzung ins Ausland schon alle Familienmitglieder privat versichert sind, hat man ein Problem. Das erging uns so, und wir haben es inzwischen von einer Reihe anderer Familien gehört.

Fazit: Wer ins Ausland versetzt wird, sollte sich mit seinen Versicherungen zuallererst auseinander setzen. Denn die brauchen nicht nur Wochen, sondern Monate zur Entscheidung, da sie Privatunternehmen sind und daher ihre Ermessensspielräume voll ausschöpfen. Und es wird auf alle Fälle deutlich teurer als vorher.

Ende September 2005 ging es schließlich los gen Süden. Mit unserer bewährten Spedition Nöth (www.noeth.de), die uns schon bei drei Inlandsumzügen gut betreut hat, waren Organisation und Zeitplan genau abgestimmt. Über die große Distanz war das gar nicht so einfach, zumal sowohl Deutschland, als auch Österreich und Italien spezielle – und natürlich unterschiedliche – LKW-Fahrverbote haben. Nachdem das alles geklärt war, vertrauten wir unser Hab und Gut ruhigen Gewissens dem Team von Nöth an – drei der vier Leute kennen wir nun schon seit sechs Jahren – und verabredeten, uns drei Tage später in unserem neuen Heim wieder zu sehen. Unser Zweitwagen war schon einige Tage zuvor von einer Partnerspedition abgeholt worden.

In Neapel angekommen, trauten wir zunächst unseren Augen nicht: Unser Haus war nach Renovierungsarbeiten total verschmutzt, Strom und Wasser funktionierten  nicht, und der Gastank war leer. Da wir auch mit Gas kochen und unser Wasser heizen, hatten wir zwar ein Dach über dem Kopf, aber mehr auch nicht. Unser Vermieter, ein Bauunternehmer, schickte seine Handwerker, während wir einzogen. Das ist hier gar nicht so unüblich, erfuhren wir anschließend, aber erstmal waren wir nicht gerade erfreut. Ansonsten erwiesen sich unsere Vermieter als sehr hilfsbereit und liebenswürdig. Beispielsweise durften die Spediteure den Lastwagen mit Anhänger auf dem Hof der Firma abstellen – da hier schon mehrfach Umzugswagen über Nacht ausgeräumt wurden, haben wir das Angebot dankbar angenommen. Heute verstehen wir uns gut mit unseren Vermietern, wir können jederzeit mit jedem Problem zu ihnen kommen und plaudern auch manches Mal privat miteinander.

Die ersten Wochen hier waren wir allein damit beschäftigt, unser Leben zu organisieren. Obwohl ein Staat der Europäischen Union, ticken in Italien viele Uhren komplett anders als in Deutschland. Besonders bemerkbar macht sich das bei der Infrastruktur: Strom, Wärme, Telefon – was man in Deutschland mit einem Anruf erledigt, muss hier mühsam beantragt und begründet werden. Für die hiesige Autohaftpflicht musste mein Mann sage und schreibe 24 Unterschriften leisten, die Unterlagen für unser Bankkonto nehmen so viel Platz im Ordner ein wie in Deutschland ein Vertrag über einen Hauskauf. Gas bestellen wir, wenn die Anzeige unseres Tanks in den Reserve-Bereich rutscht. Im Dezember und Januar, als es hier richtig ungemütlich war, war das alle drei Wochen der Fall. Und dann muss man halt warten, bis der Tanklastwagen kommt und das Flüssiggas in den Haustank pumpt. Unser Lieferant ist in der Regel zuverlässig, aber es kommt durchaus vor, dass z. B. der Wagen kaputt ist und die Zentrale keinen Ersatz schickt, oder dass – etwa nach Silvester, als Russland der Ukraine kurzzeitig das Gas abstellte – Engpässe durch Panikeinkäufe entstehen. Dann kann man schon einmal Pech haben und muss frieren.

Kompliziert ist aber nicht nur das Bestellen von Dienstleistungen, sondern auch deren Bezahlung: Daueraufträge, Überweisungsaufträge oder Lastschriften sind hier quasi unbekannt; man muss mit seiner Rechnung zur Bank oder zur Post tippeln und dort auch noch bar bezahlen. Diesen Dienst, den man nicht umgehen kann, lässt sich die Post auch noch mit einem Euro pro Rechnung vergüten. Ganz ehrlich: Die deutsche meistens reibungslos funktionierende Infrastruktur haben wir erst hier zu schätzen gelernt. Sonst vermissen wir allerdings wenig.

Ein Kapitel für sich ist die Telecom Italia. Für das Telefon-Festnetz ist sie quasi Monopolistin, und das macht sich in schwachem Service, hohen Bereitstellungsgebühren und einem unglaublich schlechten Callcenter bemerkbar, das man aber leider anzurufen immer mal wieder gezwungen ist. Dafür ist das Telefonieren selbst wenigstens deutlich günstiger als in Deutschland. Mit unserem Analog-Telefonanschluss klappte es relativ schnell, etwa nach drei Wochen. Dann funktionierten aber zunächst unsere deutschen Telefone auf der Leitung nicht, es gingen einige Wochen ins Land, bis wir die Ursache der Störung gefunden hatten. Unser Versuch, zu Hause online zu gehen, wurde erst im Februar von Erfolg gekrönt. Es ist unglaublich, wie viele Komponenten zusammen passen müssen, damit eine Internetverbindung klappt. Daran ist nun aber nicht die Telecom Italia Schuld, sondern vielmehr die Tatsache, dass trotz EU alle Länder ihre eigene Technik verwenden. Wir hätten derartige Probleme nicht erwartet, schließlich sind wir nicht nach Afrika oder Ostasien gezogen.

Abgesehen von den Wirren der Technik geht es uns hier gut. Der Menschenschlag ist in der Regel sehr herzlich und liebenswürdig, besonders wenn man mit Kindern irgendwo auftaucht. Die Region ist sehr reich an Kultur, schon die antiken Griechen siedelten hier. Ihre Hinterlassenschaften, dazu die der Römer faszinieren alle Familienmitglieder. Neapel hatte viele Herrscher, und alle haben sie im Lauf der Jahrhunderte Spuren hinterlassen, die zu entdecken uns viel Spaß macht. Man hat fast einschlechtes Gewissen, mal einen Tag auf der Terrasse zu verbringen.

Und die Schönheit der Natur! Campania felix nannten die Römer diesen Landstrich, glückliches Kampanien. Dank Sonne, Wärme und im Winter eben auch viel Regen quillt das Land förmlich über vor Energie, alles wächst und gedeiht. Selbst im Winter ist das Gras grün, viele Bäume sind immergrün und es blüht ständig irgendetwas. So düster und kalt wie nördlich der Alpen wird es nicht, wir hatten lediglich einige Nachtfröste. Trotzdem ist der Winter ungemütlich: regnerisch und windig, und da die Häuser hier nicht so gedämmt sind wie in Deutschland, pfeift der Wind durch die Ritzen und versucht die Feuchtigkeit ins Haus zu kriechen. Doch die Sonne wärmt selbst im Januar, wenn sie scheint, und wir konnten auch schon auf der Terrasse sitzen. Wir hoffen, jetzt im März die Pullover gegen T-Shirts einzutauschen.

Und die Sicherheit? Natürlich muss man auf die Handtasche aufpassen, das Auto auf einen bewachten Parkplatz stellen und die Alarmanlage aktivieren, wenn man das Haus verlässt. Es gibt hier sehr viel Armut und Elend, die Schere zwischen arm und reich klafft stärker auseinander als in Deutschland. Daher ist Wachsamkeit angebracht. Aber wirklich bedroht fühlen wir uns nicht. Allerdings ist es gewöhnungsbedürftig, sämtliche eisernen Fensterläden zu schließen, bevor man das Haus verlässt, und die Alarmanlage zu aktivieren. Das Hoftor öffnet sich per Knopfdruck, wir warten im Auto auf der Straße vor unserem Haus so lange, bis es sich wieder geschlossen hat. Es ist sicherer so – es hat einige Einbrüche in der deutschen Community gegeben. Gezeigt hat sich, dass Diebe sehr schnell Sicherheitsmängel oder Unachtsamkeit ausnutzen. Die Deutsche Delegation gibt deswegen Checklisten an Neuankömmlinge, in denen aufgelistet ist, welche Sicherheitseinrichtungen ein Haus haben sollte.

Die deutsche Gemeinschaft hier ist recht groß: Es gibt rund 150 Dienstposten aller drei Teilstreitkräfte; die meisten Soldaten sind mit Familien hier. Als ein Zentrum für Treffen aller Art hat sich das Gemeindehaus etabliert, das von der katholischen Militärseelsorge getragen wird. Dort finden natürlich Gottesdienste statt, aber auch Kindergruppen, Gesprächskreise und Partys. Für uns ist „die Casa“, wie das Haus hier in echt deutalienisch genannt wird, fast das zweite Wohnzimmer geworden. Wir haben dort viele nette Leute kennen gelernt und unsere ersten Freundschaften geschlossen.

Internationalität kommt durch die Arbeit, die Schule und den Kindergarten in die Familie. Das genießen wir sehr, die Kontakte über die deutsche Gemeinschaft hinaus sind uns wichtig. Das hat nichts damit zu tun, dass wir unsere deutschen Mitbürger nicht mögen, sondern vielmehr damit, dass wir einfach neugierig auf andere Lebensweisen und Ansichten sind.

Beeindruckend ist, wie schnell die Kinder Englisch lernen. Nach einem halben Jahr in der englischsprachigen Schule ist unsere Tochter, jedenfalls wenn sie gut drauf ist, weitgehend in der Lage, ihre Hausaufgaben selbstständig zu erledigen. Unser Sohn ist seit Dezember im amerikanischen Kindergarten und versteht alles. Er spricht auch Englisch – wenn er den Eindruck hat, dass man ihn sonst nicht versteht. Folglich spricht er auch mit den Italienern in unserer Nachbarschaft Englisch, weswegen die wiederum, allen Erklärungen zum Trotz, uns für Amerikaner halten.

Allerdings ist der Alltag für unsere Tochter recht anstrengend: Die Schule folgt dem amerikanischen System. Das bedeutet, sie dauert von 8 bis 15 Uhr, und wenn wir zu Hause angekommen sind, muss sie noch mindestens eine Dreiviertelstunde Hausaufgaben machen. Zum Spielen und Faulenzen bleibt da wenig Zeit, und ich habe es auch noch nicht gewagt, sie zum Ballett oder zur Musik anzumelden, weil ich sie nicht noch mehr stressen will. Andererseits vermisst sie ihre Hobbys, so dass wir nach Ostern wohl doch so nach und nach anfangen werden.

Lesern, sie selbst einen Auslandsumzug planen, kann ich nur raten, so früh wie möglich die oben geschilderten Aufgaben in Angriff zu nehmen. Nehmt die Unterstützung in Anspruch, die Ihr bekommen könnt. Stellt Euch darauf ein, dass Ihr am neuen Standort länger braucht, um wieder einen Alltag zu etablieren. In Deutschland weiß man, wie die Dinge funktionieren. Im Ausland muss man das erst herausfinden, und das kostet einfach Zeit. Aber die Mühe lohnt sich: Wer ein bisschen aufgeschlossen ist, wird mit vielen neuen Erfahrungen und Freundschaften belohnt. Und wenn man noch ein bisschen Glück hat, darf man sogar den Zitronenbäumen beim Blühen zuschaun.

zum Gästebuch

zum Gästebuch