Die Koffer gepackt. Das Haus leer. Alle Möbel im
Inneren des Umzugswagens verstaut. Ein ganzes Leben sorgfältig auf mehrere
Hundert Packstücke verteilt. Der letzte Rundgang durch den –
ehemaligen – Heimatort. Bei den Nachbarn noch ein schnelles
„Tschüs!“ sowie das Versprechen, sich auf jeden Fall zu
melden. Langsam mischt sich in den Abschiedsschmerz auch so etwas wie
Aufbruchstimmung.
An solche Szenen haben sich Bundeswehrangehörige
gewöhnt. Wer sich für eine Laufbahn beim Bund entscheidet, lernt eins
schnell: „Nichts ist so beständig wie der Wechsel.“ Knapp ein
Viertel der durchschnittlich 190.475 Berufs- und Zeitsoldaten wurde im
vergangenen Jahr im In- und Ausland versetzt. Rund 27.500 verließen dabei
ihren bisherigen Standort. Die von der Wirtschaft viel beschworene und noch
häufiger angemahnte Mobilität von Arbeitnehmern ist bei der Truppe
gang und gäbe. Sie betrifft Soldaten und Zivilbeschäftigte
gleichermaßen.
Einer der Mobilen ist Rainer Szengel
(43). Der Düsentriebwerkmechaniker für das Waffensystem Tornado
arbeitete jahrelang beim Jagdbombergeschwader (JaboG) 38
„Friesland“ auf dem Upjeverschen
Fliegerhorst. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten unter anderem die
Bodenprüfläufe der Triebwerke. Die Nachricht, dass sein Verband 2005
aufgelöst wird, traf ihn im Mai 2003 wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Doch obwohl der zweifache Familienvater in der friesischen Hochburg des
Teetrinkens zu Hause ist, hielt er sich nicht an die Redensart „Abwarten
und Tee trinken“. Sofort habe er sich umgehört und nach einem
struktursicheren Standort gesucht, erzählt der 43-Jährige. Seine Wahl
fiel auf den abgesetzten Bereich der Luftwaffeninstandhaltungsgruppe 14 im rund
840 Kilometer entfernten bayerischen Penzing.
Zum Umzug rang sich die vierköpfige Familie jedoch erst
Anfang 2005 durch. „Das ist schließlich ein großer Schritt.
Ich wollte erst die Standortentscheidung des Verteidigungsministers
abwarten“, betont Szengel. Als im vergangenen
November feststand, dass sein dortiger Arbeitsplatz nicht längerfristig
erhalten bleibt, kam dem Friesen zugute, dass er sich bereits vorab beim
Jagdbombergeschwader 32 in Lechfeld nach einem Dienstposten erkundigt hatte.
Dort nahm man den Fachmann mit offenen Armen auf. „Es war toll, wie alle
meine Vorgesetzten an einem Strang gezogen haben, damit alles problemlos
über die Bühne geht“, lobt er. Nachdem der 43-Jährige
beruflich eine neue Heimat gefunden hat, stand fest, dass die Familie diesen
Sommer umziehen wird. „Anderthalb Jahre getrenntes Familienleben sind
einfach genug“, erläutert seine Frau Erika (42), und ihr Mann
fügt hinzu: „Die ewige Pendelei geht einem
irgendwann auf die Nerven.“ Dennoch: So richtig freuen kann sich die
42-Jährige noch nicht. Seit 22 Jahren ist sie verheiratet, stets hat das
Paar in Jever gewohnt: „Meine ganze Familie lebt hier.“ Der
Abschied fällt schwer. Im Moment überwiege bei ihr die Wehmut und die
Angst vor dem Neuen, gesteht die Hausfrau, fügt aber hinzu:
„Für die Kinder ist es auf jeden Fall besser.“
So freut sich der zehnjährige Darius jetzt nicht nur
darauf, dass Papa wieder jeden Abend zu Hause ist, sondern auch auf die Berge
und vor allem den Schnee im Winter. Vorrang hat für den Schüler
jedoch im Moment noch etwas ganz anderes: „Ich habe dieses Jahr zwei
Wochen länger Sommerferien.“ Seine große Schwester Julia (17)
sieht dem Umzug mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Clique und ihr
Freund, alles bleibt in Jever zurück: „Dafür habe ich aber die
Möglichkeit, in Bayern eine Ausbildung zu beginnen.“ Dies wäre
im strukturschwachen Nordwesten nicht so ohne weiteres möglich gewesen,
erklärt ihr Vater und unterstreicht: „Unsere Entscheidung umzuziehen
war absolut richtig.“
Mit dieser Meinung liegt er allerdings nicht im Trend.
„Wir sind für alle Soldatenfamilien im Bereich Weser-Ems
zuständig“, berichtet Oberleutnant zur See Jochen Schipper (38), Leiter des Wilhelmshavener
Familienbetreuungszentrums (FBZ). Er beobachtet bei Soldaten und Soldatinnen,
Zivilbeschäftigten und ihren Angehörigen, dass die Bereitschaft zum
Umzug abnimmt.
Zu den Aufgaben der Familienbetreuung gehöre auch, dass
sich das Team vom FBZ mit den Sorgen und Nöten der „frisch
versetzten“ Bundeswehrangehörigen auseinandersetzt, und zwar vom
Kindergartenplatz über die Wohnungssuche bis hin zu versorgungsrechtlichen
Fragen. „Der schlimmste Fall ist, wenn die Familie gerade am neuen
Wohnort angekommen ist, und der Partner gleich für mehrere Monate zur See
fährt“, weiß Schipper aus
jahrelanger Erfahrung. Er selbst ist im Laufe seiner Dienstzeit dreimal
umgezogen.
Inzwischen hat der dreifache Vater seinen
„Heimathafen“ im ostfriesischen Ostgroßefehn gefunden und
dort gebaut. „Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen, wenn ich
mein Haus nicht noch mit 80 Jahren abzahlen will“, betont der
38-Jährige. Ein Umzug käme auch für ihn „aus
Rücksicht auf den schulpflichtigen Nachwuchs“ derzeit nicht in
Frage. Anders sehe es aber bei einer Auslandsverwendung aus: „Das ist
eine Erfahrung, die durch nichts zu ersetzen ist und eine große Chance
vor allem für die Kinder.“
Das kann Familie Reuschling nur
bestätigen. Major Frank Reuschling (37) war mit
Ehefrau Claudia (37) sowie Sohn Fabian (11) und Tochter Julia (8) von 2000 bis
2003 als Fluglehrer im amerikanischen Holloman/ New Mexico stationiert. „Es war eine tolle Zeit“,
betonen die vier einstimmig. Zurück in „good old Germany“
erfuhren sie dann, dass Frank Reuschlings
Heimatverband, das Jagdbombergeschwader 38 „Friesland“, binnen zwei
Jahren aufgelöst werden soll. Für die Familie stand relativ schnell
fest, dass sie nicht innerhalb Deutschlands umziehen werden. So wird der Major,
der als Pilot bereits mit 41 Jahren pensioniert wird, für den Rest seiner
Dienstzeit an den Wochenenden zwischen seinem neuen Verband, dem
Jagdbombergeschwader 33 in Büchel/
Südeifel, und seinem Wohnort Jever pendeln.
„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht
gemacht“, verrät der Fluglehrer. Sie fühlten sich jedoch in
Friesland so wohl, dass sie ein Haus kaufen und sesshaft werden wollten.
„Die Kinder haben hier ihr soziales Umfeld, das würden wir alles
kaputt machen“, da ist sich Claudia Reuschling
sicher, auch wenn sie nicht gerade begeistert ist von der Aussicht „unter
der Woche eine allein erziehende Mutter zu sein“. Das Ganze werde sich
jedoch sicherlich im Laufe der Zeit einspielen. Davon ist das Ehepaar
überzeugt. Erleichtert ist Frank Reuschling,
dass er nicht wie viele andere Kameraden werktags in der Kaserne wohnen muss,
sondern in einer kleinen Wohnung: „Die Kosten trägt die Bundeswehr,
weil sie uns Pendlern in Büchel keine
Unterkünfte stellen kann.“
Durch die befristete Lockerung der Umzugskostenregelung ist
der Pilot ein „Trennungsgeldempfänger“. Diese Vergütung
soll die Mehrkosten einer doppelten Haushaltsführung ausgleichen. 75
Prozent der verheirateten Soldaten, die 2004 versetzt wurden, entschieden sich
für das Trennungsgeld (TG) anstelle der Umzugskostenvergütung (UKV).
Gegenüber dem Vorjahr ist dies eine Steigerung von 15 Prozent.
Gestiegen ist allerdings auch die Zahl der Beschwerden, die
2004 beim damaligen Wehrbeauftragten, Dr. Willfried
Penner, eingegangen sind. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 6154
Vorgänge dort erfasst. Das sind 72 mehr als 2003. Ein Drittel aller
Eingaben betraf Fragen der Personalangelegenheiten von Berufs- und
Zeitsoldaten. Mit 2092 Eingaben waren dies 112 mehr als im vorangegangenen
Berücksichtigungszeitraum. Aus diesem Anlass beschäftigte sich Penner
im aktuellen „Jahresbericht 2004“ ausführlich mit der Umzugs-
und Versetzungsproblematik sowie mit den damit verbundenen finanziellen
Leistungen. Unter dem Punkt „Umzugskosten und Trennungsgeld“ steht
Folgendes: „Im Falle eines dienstlich bedingten Wohnungswechsels haben
Soldaten einen Anspruch auf Erstattung der Umzugskosten. Wenn die Zusage einer
entsprechenden Kostenerstattung versagt wird, können sie Trennungsgeld
für die doppelte Haushaltsführung geltend machen.“ Da immer
mehr Soldaten die Beibehaltung eines festen Familienwohnsitzes und das damit
verbundene Pendeln zum Dienstort einem Umzug vorziehen würden, sei die
Zusage der Umzugskostenvergütung häufig unerwünscht; stattdessen
werde Trennungsgeld bevorzugt, schlussfolgert der Bericht Penners. Obwohl es
weiterhin keine Wahlmöglichkeit gäbe, sei die Zahl der Eingaben zum
Thema im Berichtsjahr 2004 um rund ein Drittel zurückgegangen. Vermutlich
deshalb, weil ein Erlass des Bundesministeriums der Verteidigung vorsehe, die
Verwendungsdauer bei Versetzungen für Verheiratete und Unverheiratete mit
berücksichtungsfähigen Kindern auf maximal drei Jahre, für
Verheiratete mit anerkanntem eigenen Hausstand auf maximal zwei Jahre zu
begrenzen. Grund hierfür sind die im Zuge der Transformation der
Bundeswehr bevorstehenden Umstrukturierungsmaßnahmen.
Den Betroffenen wurde auf Grundlage diese Regelung keine
Zusage der Umzugskostenvergütung erteilt. Sie konnten stattdessen für
die Dauer ihrer Verwendung am neuen Dienstort Trennungsgeld erhalten. Diese
Regelung galt zunächst bis zum 31. Dezember 2004 befristet. Seit Januar
2005 ist sie um ein Jahr verlängert.
Davon profitieren nun auch Dirk Vogel (40) und Jörg Sambale (33). Die beiden Hauptfeldwebel sind
Wartungsmechaniker für den Tornado und waren auf dem Fliegerhorst Upjever stationiert. Diesen Monat werden sie nun vom JaboG 38 „Friesland“ zum JaboG
31 „Boelcke“ nach Nörvenich versetzt. Beide haben sich
für das Pendlerdasein entschieden. Das aus gutem Grund. Sambale hat vor zwei Jahren ein Haus gebaut, in dem seine
Frau ein Friseurgeschäft eröffnet hat. „Ein Umzug kommt daher
nicht in Frage“, betont der Vater zweier schulpflichtiger Kinder. Erst
2002 war der 33-Jährige von Büchel nach Upjever versetzt worden: „Hätte ich damals schon
gewusst, dass das Friesland-Geschwader aufgelöst wird, wäre ich nicht
mit meiner Familie umgezogen.“ Jahrzehntelang war der Fliegerhorst Upjever Dirk Vogels dienstliche Heimat. „Ich bin 20
Jahre lang nicht versetzt worden, da kann ich eigentlich ganz froh sein“,
räumt der Familienvater freimütig ein. Umziehen will er jetzt vor
allem deshalb nicht, weil seine Lebenspartnerin in Nörvenich keine
vergleichbare Arbeitsstelle finden würde.
So werden die beiden Hauptfeldwebel künftig eine
Fahrgemeinschaft bilden. Auch auf dem Immobilienmarkt haben sie sich an ihrem
neuen Dienstort schon einmal vorsorglich umgeschaut. Sie überlegen, ob sie
sich nicht eine Wohnung teilen sollen, falls ihnen auf Dauer das Kasernenleben und
vor allem die festen Essenszeiten nicht gefallen: „Wir arbeiten
schließlich im Schichtdienst!“ Schon jetzt haben die
Wartungsmechaniker die mündliche Zusage, dass sie zusammen arbeiten
werden. „So können wir immer gemeinsam nach Hause fahren“,
freuen sie sich und loben ihre neuen Vorgesetzten. Zufrieden mit der
Fürsorgepflicht seines Dienstherren ist auch
Peter Gödeke (58). Und das, obwohl der Regierungsamtmann bereits in sechs
Wochen versetzt wird und noch gar nicht weiß, wohin. Erst vor einem Jahr
wurde der Beamte in die Truppenverwaltung auf dem Fliegerhorst Upjever versetzt.
Als seine Stelle durch Strukturveränderungen zu einem
höher dotierten Dienstposten aufwuchs, war klar, dass er den Schreibtisch
wieder räumen musste. Rein theoretisch könne er überall im
Bereich der alten Bundesländer eingesetzt werden, dafür habe er
schließlich unterschrieben, sagt der 58-Jährige. „Ich bin da
ganz flexibel und locker“, erklärt Gödeke trotz der momentanen
Planungsunsicherheit, in der er sich befindet. Und das aus gutem Grund:
„Der Bund nimmt auf seine älteren Beamten sehr viel
Rücksicht.“ Relaxed sind auch Major
Andreas Krzossa (37) und Ehefrau Susanne (37).
Für die beiden ist ein Traum in Erfüllung gegangen: „Wir gehen
für dreieinhalb Jahre nach Amerika.“
Der Tornado-Waffensystemoffizier bildet beim
Luftwaffenausbildungszentrum Holloman/New Mexico künftige Waffenlehrer in einem der
anspruchsvollsten Lehrgänge aus. Nach Ablauf seiner Verwendung in den USA
geht er in den Ruhestand. „Besser geht es nicht“, findet er. Und
seine Frau sieht das ähnlich. Die 37-Jährige will sich einen lang
gehegten Wunsch erfüllen und dann studieren. Wegen der Versetzung ihres
Mannes in die USA muss sie zunächst ihre Ausbildung zur Fachpraxislehrerin
an den Berufsbildenden Schulen Jever unterbrechen. Das stört die gelernte
Friseurmeisterin und Kosmetikerin jedoch nicht im Geringsten. Wenn sie in drei
Jahren mit ihrem Mann zurückkehrt, wird sie die Ausbildung fortsetzen:
„Eine solche Chance bekommt man nicht zweimal angeboten.“ Ihr
Schulleiter hat sie beurlaubt und unterstützt sie, wo er nur kann.
Für das Ehepaar ist diese Auslandsversetzung
„eine echt tolle Sache“. Sie hätten es einfach richtig gut
erwischt. Und was die Versetzungspolitik angeht, da hat Andreas Krzossa im Laufe seiner Dienstzeit ohnehin seine ganz
eigene Theorie entwickelt: „Ich glaube, dass ich im Grunde meines Herzens
Stubenhocker bin. Aber der bildlich gesprochene Tritt, den ich von der
Bundeswehr von Zeit zu Zeit in Form von Versetzungen bekomme, tut mir ganz gut.
Denn dadurch erweitere ich meinen Horizont.“
Colla Schmitz