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Wieder auf Achse

Jobwechsel sind bei der Bundeswehr Alltag. Immer mehr Soldaten und zivile Mitarbeiter meiden ein neues Zuhause. Viele pendeln durch die Republik.

Colla Schmitz in Y. 09/2005

Unbenanntes Dokument
Mobilität

Die Koffer gepackt. Das Haus leer. Alle Möbel im Inneren des Umzugswagens verstaut. Ein ganzes Leben sorgfältig auf mehrere Hundert Packstücke verteilt. Der letzte Rundgang durch den – ehemaligen – Heimatort. Bei den Nachbarn noch ein schnelles „Tschüs!“ sowie das Versprechen, sich auf jeden Fall zu melden. Langsam mischt sich in den Abschiedsschmerz auch so etwas wie Aufbruchstimmung.

An solche Szenen haben sich Bundeswehrangehörige gewöhnt. Wer sich für eine Laufbahn beim Bund entscheidet, lernt eins schnell: „Nichts ist so beständig wie der Wechsel.“ Knapp ein Viertel der durchschnittlich 190.475 Berufs- und Zeitsoldaten wurde im vergangenen Jahr im In- und Ausland versetzt. Rund 27.500 verließen dabei ihren bisherigen Standort. Die von der Wirtschaft viel beschworene und noch häufiger angemahnte Mobilität von Arbeitnehmern ist bei der Truppe gang und gäbe. Sie betrifft Soldaten und Zivilbeschäftigte gleichermaßen.

Einer der Mobilen ist Rainer Szengel (43). Der Düsentriebwerkmechaniker für das Waffensystem Tornado arbeitete jahrelang beim Jagdbombergeschwader (JaboG) 38 „Friesland“ auf dem Upjeverschen Fliegerhorst. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten unter anderem die Bodenprüfläufe der Triebwerke. Die Nachricht, dass sein Verband 2005 aufgelöst wird, traf ihn im Mai 2003 wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Doch obwohl der zweifache Familienvater in der friesischen Hochburg des Teetrinkens zu Hause ist, hielt er sich nicht an die Redensart „Abwarten und Tee trinken“. Sofort habe er sich umgehört und nach einem struktursicheren Standort gesucht, erzählt der 43-Jährige. Seine Wahl fiel auf den abgesetzten Bereich der Luftwaffeninstandhaltungsgruppe 14 im rund 840 Kilometer entfernten bayerischen Penzing.

 

Zum Umzug rang sich die vierköpfige Familie jedoch erst Anfang 2005 durch. „Das ist schließlich ein großer Schritt. Ich wollte erst die Standortentscheidung des Verteidigungsministers abwarten“, betont Szengel. Als im vergangenen November feststand, dass sein dortiger Arbeitsplatz nicht längerfristig erhalten bleibt, kam dem Friesen zugute, dass er sich bereits vorab beim Jagdbombergeschwader 32 in Lechfeld nach einem Dienstposten erkundigt hatte. Dort nahm man den Fachmann mit offenen Armen auf. „Es war toll, wie alle meine Vorgesetzten an einem Strang gezogen haben, damit alles problemlos über die Bühne geht“, lobt er. Nachdem der 43-Jährige beruflich eine neue Heimat gefunden hat, stand fest, dass die Familie diesen Sommer umziehen wird. „Anderthalb Jahre getrenntes Familienleben sind einfach genug“, erläutert seine Frau Erika (42), und ihr Mann fügt hinzu: „Die ewige Pendelei geht einem irgendwann auf die Nerven.“ Dennoch: So richtig freuen kann sich die 42-Jährige noch nicht. Seit 22 Jahren ist sie verheiratet, stets hat das Paar in Jever gewohnt: „Meine ganze Familie lebt hier.“ Der Abschied fällt schwer. Im Moment überwiege bei ihr die Wehmut und die Angst vor dem Neuen, gesteht die Hausfrau, fügt aber hinzu: „Für die Kinder ist es auf jeden Fall besser.“

 

So freut sich der zehnjährige Darius jetzt nicht nur darauf, dass Papa wieder jeden Abend zu Hause ist, sondern auch auf die Berge und vor allem den Schnee im Winter. Vorrang hat für den Schüler jedoch im Moment noch etwas ganz anderes: „Ich habe dieses Jahr zwei Wochen länger Sommerferien.“ Seine große Schwester Julia (17) sieht dem Umzug mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Clique und ihr Freund, alles bleibt in Jever zurück: „Dafür habe ich aber die Möglichkeit, in Bayern eine Ausbildung zu beginnen.“ Dies wäre im strukturschwachen Nordwesten nicht so ohne weiteres möglich gewesen, erklärt ihr Vater und unterstreicht: „Unsere Entscheidung umzuziehen war absolut richtig.“

Mit dieser Meinung liegt er allerdings nicht im Trend. „Wir sind für alle Soldatenfamilien im Bereich Weser-Ems zuständig“, berichtet Oberleutnant zur See Jochen Schipper (38), Leiter des Wilhelmshavener Familienbetreuungszentrums (FBZ). Er beobachtet bei Soldaten und Soldatinnen, Zivilbeschäftigten und ihren Angehörigen, dass die Bereitschaft zum Umzug abnimmt.

Zu den Aufgaben der Familienbetreuung gehöre auch, dass sich das Team vom FBZ mit den Sorgen und Nöten der „frisch versetzten“ Bundeswehrangehörigen auseinandersetzt, und zwar vom Kindergartenplatz über die Wohnungssuche bis hin zu versorgungsrechtlichen Fragen. „Der schlimmste Fall ist, wenn die Familie gerade am neuen Wohnort angekommen ist, und der Partner gleich für mehrere Monate zur See fährt“, weiß Schipper aus jahrelanger Erfahrung. Er selbst ist im Laufe seiner Dienstzeit dreimal umgezogen.

Inzwischen hat der dreifache Vater seinen „Heimathafen“ im ostfriesischen Ostgroßefehn gefunden und dort gebaut. „Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen, wenn ich mein Haus nicht noch mit 80 Jahren abzahlen will“, betont der 38-Jährige. Ein Umzug käme auch für ihn „aus Rücksicht auf den schulpflichtigen Nachwuchs“ derzeit nicht in Frage. Anders sehe es aber bei einer Auslandsverwendung aus: „Das ist eine Erfahrung, die durch nichts zu ersetzen ist und eine große Chance vor allem für die Kinder.“

Das kann Familie Reuschling nur bestätigen. Major Frank Reuschling (37) war mit Ehefrau Claudia (37) sowie Sohn Fabian (11) und Tochter Julia (8) von 2000 bis 2003 als Fluglehrer im amerikanischen Holloman/ New Mexico stationiert. „Es war eine tolle Zeit“, betonen die vier einstimmig. Zurück in „good old Germany“ erfuhren sie dann, dass Frank Reuschlings Heimatverband, das Jagdbombergeschwader 38 „Friesland“, binnen zwei Jahren aufgelöst werden soll. Für die Familie stand relativ schnell fest, dass sie nicht innerhalb Deutschlands umziehen werden. So wird der Major, der als Pilot bereits mit 41 Jahren pensioniert wird, für den Rest seiner Dienstzeit an den Wochenenden zwischen seinem neuen Verband, dem Jagdbombergeschwader 33 in Büchel/ Südeifel, und seinem Wohnort Jever pendeln.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, verrät der Fluglehrer. Sie fühlten sich jedoch in Friesland so wohl, dass sie ein Haus kaufen und sesshaft werden wollten. „Die Kinder haben hier ihr soziales Umfeld, das würden wir alles kaputt machen“, da ist sich Claudia Reuschling sicher, auch wenn sie nicht gerade begeistert ist von der Aussicht „unter der Woche eine allein erziehende Mutter zu sein“. Das Ganze werde sich jedoch sicherlich im Laufe der Zeit einspielen. Davon ist das Ehepaar überzeugt. Erleichtert ist Frank Reuschling, dass er nicht wie viele andere Kameraden werktags in der Kaserne wohnen muss, sondern in einer kleinen Wohnung: „Die Kosten trägt die Bundeswehr, weil sie uns Pendlern in Büchel keine Unterkünfte stellen kann.“

Durch die befristete Lockerung der Umzugskostenregelung ist der Pilot ein „Trennungsgeldempfänger“. Diese Vergütung soll die Mehrkosten einer doppelten Haushaltsführung ausgleichen. 75 Prozent der verheirateten Soldaten, die 2004 versetzt wurden, entschieden sich für das Trennungsgeld (TG) anstelle der Umzugskostenvergütung (UKV). Gegenüber dem Vorjahr ist dies eine Steigerung von 15 Prozent.

 

Gestiegen ist allerdings auch die Zahl der Beschwerden, die 2004 beim damaligen Wehrbeauftragten, Dr. Willfried Penner, eingegangen sind. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 6154 Vorgänge dort erfasst. Das sind 72 mehr als 2003. Ein Drittel aller Eingaben betraf Fragen der Personalangelegenheiten von Berufs- und Zeitsoldaten. Mit 2092 Eingaben waren dies 112 mehr als im vorangegangenen Berücksichtigungszeitraum. Aus diesem Anlass beschäftigte sich Penner im aktuellen „Jahresbericht 2004“ ausführlich mit der Umzugs- und Versetzungsproblematik sowie mit den damit verbundenen finanziellen Leistungen. Unter dem Punkt „Umzugskosten und Trennungsgeld“ steht Folgendes: „Im Falle eines dienstlich bedingten Wohnungswechsels haben Soldaten einen Anspruch auf Erstattung der Umzugskosten. Wenn die Zusage einer entsprechenden Kostenerstattung versagt wird, können sie Trennungsgeld für die doppelte Haushaltsführung geltend machen.“ Da immer mehr Soldaten die Beibehaltung eines festen Familienwohnsitzes und das damit verbundene Pendeln zum Dienstort einem Umzug vorziehen würden, sei die Zusage der Umzugskostenvergütung häufig unerwünscht; stattdessen werde Trennungsgeld bevorzugt, schlussfolgert der Bericht Penners. Obwohl es weiterhin keine Wahlmöglichkeit gäbe, sei die Zahl der Eingaben zum Thema im Berichtsjahr 2004 um rund ein Drittel zurückgegangen. Vermutlich deshalb, weil ein Erlass des Bundesministeriums der Verteidigung vorsehe, die Verwendungsdauer bei Versetzungen für Verheiratete und Unverheiratete mit berücksichtungsfähigen Kindern auf maximal drei Jahre, für Verheiratete mit anerkanntem eigenen Hausstand auf maximal zwei Jahre zu begrenzen. Grund hierfür sind die im Zuge der Transformation der Bundeswehr bevorstehenden Umstrukturierungsmaßnahmen.

Den Betroffenen wurde auf Grundlage diese Regelung keine Zusage der Umzugskostenvergütung erteilt. Sie konnten stattdessen für die Dauer ihrer Verwendung am neuen Dienstort Trennungsgeld erhalten. Diese Regelung galt zunächst bis zum 31. Dezember 2004 befristet. Seit Januar 2005 ist sie um ein Jahr verlängert.

 

Davon profitieren nun auch Dirk Vogel (40) und Jörg Sambale (33). Die beiden Hauptfeldwebel sind Wartungsmechaniker für den Tornado und waren auf dem Fliegerhorst Upjever stationiert. Diesen Monat werden sie nun vom JaboG 38 „Friesland“ zum JaboG 31 „Boelcke“ nach Nörvenich versetzt. Beide haben sich für das Pendlerdasein entschieden. Das aus gutem Grund. Sambale hat vor zwei Jahren ein Haus gebaut, in dem seine Frau ein Friseurgeschäft eröffnet hat. „Ein Umzug kommt daher nicht in Frage“, betont der Vater zweier schulpflichtiger Kinder. Erst 2002 war der 33-Jährige von Büchel nach Upjever versetzt worden: „Hätte ich damals schon gewusst, dass das Friesland-Geschwader aufgelöst wird, wäre ich nicht mit meiner Familie umgezogen.“ Jahrzehntelang war der Fliegerhorst Upjever Dirk Vogels dienstliche Heimat. „Ich bin 20 Jahre lang nicht versetzt worden, da kann ich eigentlich ganz froh sein“, räumt der Familienvater freimütig ein. Umziehen will er jetzt vor allem deshalb nicht, weil seine Lebenspartnerin in Nörvenich keine vergleichbare Arbeitsstelle finden würde.

So werden die beiden Hauptfeldwebel künftig eine Fahrgemeinschaft bilden. Auch auf dem Immobilienmarkt haben sie sich an ihrem neuen Dienstort schon einmal vorsorglich umgeschaut. Sie überlegen, ob sie sich nicht eine Wohnung teilen sollen, falls ihnen auf Dauer das Kasernenleben und vor allem die festen Essenszeiten nicht gefallen: „Wir arbeiten schließlich im Schichtdienst!“ Schon jetzt haben die Wartungsmechaniker die mündliche Zusage, dass sie zusammen arbeiten werden. „So können wir immer gemeinsam nach Hause fahren“, freuen sie sich und loben ihre neuen Vorgesetzten. Zufrieden mit der Fürsorgepflicht seines Dienstherren ist auch Peter Gödeke (58). Und das, obwohl der Regierungsamtmann bereits in sechs Wochen versetzt wird und noch gar nicht weiß, wohin. Erst vor einem Jahr wurde der Beamte in die Truppenverwaltung auf dem Fliegerhorst Upjever versetzt.

Als seine Stelle durch Strukturveränderungen zu einem höher dotierten Dienstposten aufwuchs, war klar, dass er den Schreibtisch wieder räumen musste. Rein theoretisch könne er überall im Bereich der alten Bundesländer eingesetzt werden, dafür habe er schließlich unterschrieben, sagt der 58-Jährige. „Ich bin da ganz flexibel und locker“, erklärt Gödeke trotz der momentanen Planungsunsicherheit, in der er sich befindet. Und das aus gutem Grund: „Der Bund nimmt auf seine älteren Beamten sehr viel Rücksicht.“ Relaxed sind auch Major Andreas Krzossa (37) und Ehefrau Susanne (37). Für die beiden ist ein Traum in Erfüllung gegangen: „Wir gehen für dreieinhalb Jahre nach Amerika.“

Der Tornado-Waffensystemoffizier bildet beim Luftwaffenausbildungszentrum Holloman/New Mexico künftige Waffenlehrer in einem der anspruchsvollsten Lehrgänge aus. Nach Ablauf seiner Verwendung in den USA geht er in den Ruhestand. „Besser geht es nicht“, findet er. Und seine Frau sieht das ähnlich. Die 37-Jährige will sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen und dann studieren. Wegen der Versetzung ihres Mannes in die USA muss sie zunächst ihre Ausbildung zur Fachpraxislehrerin an den Berufsbildenden Schulen Jever unterbrechen. Das stört die gelernte Friseurmeisterin und Kosmetikerin jedoch nicht im Geringsten. Wenn sie in drei Jahren mit ihrem Mann zurückkehrt, wird sie die Ausbildung fortsetzen: „Eine solche Chance bekommt man nicht zweimal angeboten.“ Ihr Schulleiter hat sie beurlaubt und unterstützt sie, wo er nur kann.

Für das Ehepaar ist diese Auslandsversetzung „eine echt tolle Sache“. Sie hätten es einfach richtig gut erwischt. Und was die Versetzungspolitik angeht, da hat Andreas Krzossa im Laufe seiner Dienstzeit ohnehin seine ganz eigene Theorie entwickelt: „Ich glaube, dass ich im Grunde meines Herzens Stubenhocker bin. Aber der bildlich gesprochene Tritt, den ich von der Bundeswehr von Zeit zu Zeit in Form von Versetzungen bekomme, tut mir ganz gut. Denn dadurch erweitere ich meinen Horizont.“

 

Colla Schmitz