Der
Mann ist weg. Das Leben geht weiter. Michaela Richter* ist Westfälin, sie hat
einen nüchternen Blick aufs Leben. Sie sagt: »Wenn man einen Soldaten heiratet,
muss man wissen, was auf einen zukommt: häufiges Umziehen, häufige Abwesenheit
des Partners und Auslandseinsätze. Da kann man nichts machen.« Wenn es doch mit
Gelassenheit getan wäre. Aber nun, da er weg ist, tut’s weh. Er ist Soldat,
gewiss. Aber warum ausgerechnet der Kongo? Irgendwie will es Michaela Richter
nicht ganz einleuchten, was er da soll. Nation-building, Demokratieaufbau? Das
sagt ihr nichts. Wenn sie ihren Mann schon ans andere Ende der Welt schicken,
sollte es einen handfesten Grund haben. »Wahrscheinlich haben wir
wirtschaftliche Interessen dort unten«, sagt sie. Es hört sich trotzig an, aber
auch so, als würde es sie ein wenig beruhigen. Interessen hat doch jeder.
Wirtschaftliche zumal.
Es
mag eine zu einfache Erklärung sein, aber Michaela Richter hat auch keine Zeit,
sich mit komplizierten politischen Situationen in Ländern auseinander zu
setzen, von deren Existenz sie bis vor kurzem nur eine verschwommene
Vorstellung hatte. Seit ihr Mann nach Kinshasa ging, ist sie doppelt
beschäftigt. Sie muss Mutter und Vater sein, sie muss herrschen, richten und
verteilen, loben, kochen, den Rasen mähen – und wenn das Auto zickt, muss sie
selbst zur Werkstatt.
Seit
militärische Auslandseinsätze international häufiger werden, interessieren sich
auch Militärsoziologen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr
dafür, wie es den Frauen und Familien der Soldaten während der Einsätze ergeht.
Ihre Studien zeigen, dass die Belastung der Familien höher ist, als die der
Männer im Feld. Während sich die Soldaten nicht um die Dinge des Alltags
kümmern müssen, weil andere für sie kochen, putzen, waschen, bleibt an den
Frauen zu Hause die doppelte Arbeit hängen. Und mit ihren Sorgen sind sie
allein.
»Hätte
ich doch bloß nicht auf ›Software aktualisieren‹ geklickt. So etwas bringt nur
Unheil!«, ärgert sich Michaela Richter. Der Computer streikt. Normalerweise
ruft sie in solchen Augenblicken: »Christoph« und überlässt das Problem ihrem
Mann.
Weihnachten
zu Hause?
Der
Minister hat es versprochen
Dieses
Mal aber muss Michaela Richter den Kampf alleine führen. Nach stundenlangen
Gefechten in den Tiefen der Systemeinstellungen lässt sich das Programm
neutralisieren. Immerhin ein kleiner Triumph und ein Zeitvertreib. Es mag
ermüdend sein, sich mit allem selbst auseinander setzen zu müssen, aber fast
jede Beschäftigung ist auch ein Mittel gegen die Unruhe, die sich eingenistet
hat, seit ihr Mann im Einsatz ist.
Gerade
jetzt wünscht sie sich in ihren alten Beruf zurück. Sie hat immer gern
gearbeitet. Auch als das Kind kam, hat sie nicht ans Aufhören gedacht. Die
Kleine war in der Krippe gut aufgehoben. Arbeit, Familie, die Eigentumswohnung
vom eigenen Verdienst. Sie hatte das Leben im Griff. »Ich wollte nie eine
Glucke sein«, sagt sie. Aber irgendwann steht jede Soldatenfamilie vor der
Wahl, eine Fernbeziehung zu institutionalisieren oder ständig umzuziehen. Dabei
bleibt der Beruf der Frau fast immer auf der Strecke. »In gewisser Weise bin
ich so in die Abhängigkeit gerutscht«, sagt Michaela Richter.
Sie
erinnert sich gut an den ersten Schock. Sie und ihr Mann hatten im Esszimmer
gesessen bei einer Tasse Kaffee. Wie jeden Tag, wenn er nach Hause kommt. Es
ist ihr Ritual. Fünf Minuten Ruhe. »Wie war dein Tag?« O.k. »Wie deiner?« – »Es
wird wahrscheinlich der Kongo sein.« Draußen war Frühsommer. Die Beete im
Garten übervoll bepflanzt, die Büsche sehr grün belaubt. Wer einen Soldaten
heiratet, der weiß, was auf ihn zukommt.
Drei
Monate ist er jetzt schon weg. Sie und ihre Tochter haben sich ganz gut
eingerichtet im Leben zu zweit. Tanja ist schon zwölf. Alt genug, um zu
verstehen, was ihr Vater tut. Andere Mütter, deren Männer im Auslandseinsatz
sind, basteln mit ihren kleinen Kindern Kalender, um ihnen begreiflich zu
machen, wie lange vier Monate dauern. Aber Tanja ist cool. Sie weiß, was läuft.
Nur ab und an sorgt sie sich, dass er vielleicht zu ihrem Geburtstag kurz nach
Weihnachten noch nicht zu Hause sein könnte. Und wenn sie im Fernsehen etwas
über den Kongo bringen, hört sie gut zu. Weihnachten, das hat sich wohl über
die Jahrhunderte nicht geändert, wollen Soldaten zu Hause sein. Minister Jung
hat es versprochen. Zum Fest, hat er gesagt, seien die Männer spätestens aus
dem Kongo zurück. Michaela Richter quittiert’s mit einer hochgezogenen
Augenbraue.
»Warum
hat er nicht angerufen?
Warum?
Ist ihm etwas passiert?«
Besser
nicht so schnell glauben, was man aus Berlin hört. Solange sie kein Datum
kennt, hält sie die Hoffnung nieder. Sechs Monate wäre er Weihnachten weg
gewesen. Eine lange Zeit. »Mach doch nicht so«, hat ihr Bruder zu ihr gesagt,
»der kriegt doch doppelte Besoldung.« Auf Verständnis der »zivilen« Welt können
Soldatenfrauen nur selten hoffen. Immerzu würde ihnen vorgerechnet, was sie
alles bekämen vom Staat. »Der hat doch keine Ahnung«, faucht Michaela Richter
noch heute zurück. »Gerade mal 66 Euro mehr bekommen sie pro Tag.« Ignoranz,
zumal die der eigenen Familie, schmerzt. Wenn es ihr einmal wieder zu viel
wird, flüchtet sie zur Nachbarin. Die hat sich als echter Glücksfall erwiesen.
Viele
Soldatenfrauen finden keinen rechten Anschluss, wenn ihre Männer im Ausland
sind. Sie sehen sich von Paaren umzingelt und fürchten ständig, das fünfte Rad
am Wagen zu sein. Wirklich verstanden fühlen sie sich nur von Frauen in
derselben Situation. Sie treffen sich in den Chatrooms und Foren der
Selbsthilfeorganisation Frau zu Frau. Von Alltagsproblemen bis zur
Beziehungsdiskussion wird dort alles durchgekaut. Irgendjemand ist immer online
und gibt Antwort. »Manchmal muss ich über die Mädels lachen«, sagt Michaela
Richter. »Unglaublich, welche Kleinigkeiten schon Krisen auslösen können.« Aber
trotzdem schaut sie immer wieder rein, um zu sehen, was die anderen umtreibt.
Sie
könnte sich auch direkt an die Bundeswehr wenden. Seit einigen Jahren betreibt
die Bundeswehr ein relativ dichtes Netz von Familienbetreuungszentren. Alle
vier bis sechs Wochen treffen sich dort Angehörige von Soldaten im
Auslandseinsatz für einen halben Tag, bekommen die neuesten Nachrichten aus den
Einsatzgebieten und können ihre Fragen loswerden. Es wird Kaffee getrunken,
gegrillt, die Kinder werden im Spielzimmer betreut, während die Erwachsenen
besprechen, ob der Sohn, Bruder, Mann – oder seltener die Tochter, Schwester,
Frau gut versorgt wird. Wie sie schlafen, was sie essen, wo sie sich waschen
oder wann sie telefonieren können. Es sind die Banalitäten des Alltags, die am
meisten interessieren und die die größten Krisen auslösen.
Aus
einem verpassten Anruf kann eine Panikattacke werden, die dann das
Sorgentelefon des Betreuungszentrums klingeln lässt: Er hat nicht angerufen.
Warum hat er nicht angerufen? Ist ihm etwas passiert? »Meistens melden sich
Angehörige bei uns, weil beim Telefonieren etwas schief gelaufen ist«, sagt
Andreas Grebl vom Betreuungszentrum München. Informationen sind das beste
Beruhigungsmittel. Aber häufig sind sie nicht zu bekommen. »Wie war dein Tag?«,
fragt Michaela Richter ihren Mann, den Oberstleutnant am Telefon oft aus
Reflex. »Warum fragst du mich denn das schon wieder?«, gibt er zurück. Er kann
nicht antworten. Details seiner Arbeit sind tabu. Sie vergisst es immer wieder.
Trotz
aller Bemühungen um ein hilfreiches Angebot sind die Betreuungszentren der Bundeswehr
für viele Frauen nicht die erste Anlaufstelle. Denn dort treffen sie meistens
auf Männer, Soldaten gar, und denen trauen sie nicht unbedingt zu, am
Familien-Klein-Klein oder der aktuellen Beziehungskrise interessiert zu sein.
Und ernsthafte Krisen gibt es natürlich. Auch Trennungen. Rund 26 Prozent der
nicht verheirateten Paare und drei Prozent der Eheleute trennen sich laut einer
Studie nach einem Einsatz. Diese Gefahr schieben die Frauen von sich. »Wenn das
passiert, hat es schon vor dem Einsatz gekriselt«, sagt Michaela Richter. Die
Bundeswehr selbst möchte Ärger zu Hause am liebsten ganz vermeiden: Der lenkt
nur die Männer im Feld ab. Je schlimmer die Probleme daheim, desto schlechter
die Leistungen im Einsatz. Familienbetreuungszentren entstehen also nicht nur
aus sozialem Verantwortungsgefühl, sondern auch aus handfesten Eigeninteressen.
Michaela Richter wartet darauf zu erfahren, wann ihr Mann nach Hause kommt.
Damit dieser Ausnahmezustand aufhört. Damit sie Weihnachten feiern können. Damit
sie den Urlaub nachholen und sich wieder ans Leben zu dritt gewöhnen können.
Vielleicht wird es einfach, vielleicht aber auch schwer. Für manche Paare
fangen die Schwierigkeiten erst nach der Rückkehr an.
*
Namen von der Redaktion geändert
Ein
Brief vom anderen Ende der Welt: Sind die Gründe der Politik wirklich gut
genug, um Michaela Richters Mann dorthin zu schicken?