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Familie im Einsatz
Ihr Mann dient seit drei Monaten im Kongo. Jeden Tag wartet Michaela Richter auf eine Nachricht von ihm.
Wie Angehörige der Soldaten mit dem Alleinsein leben
Autor: Isabell Hoffmann in DIE ZEIT 39/2006

Unbenanntes Dokument
Der Mann ist weg. Das Leben geht weiter...

Der Mann ist weg. Das Leben geht weiter. Michaela Richter* ist Westfälin, sie hat einen nüchternen Blick aufs Leben. Sie sagt: »Wenn man einen Soldaten heiratet, muss man wissen, was auf einen zukommt: häufiges Umziehen, häufige Abwesenheit des Partners und Auslandseinsätze. Da kann man nichts machen.« Wenn es doch mit Gelassenheit getan wäre. Aber nun, da er weg ist, tut’s weh. Er ist Soldat, gewiss. Aber warum ausgerechnet der Kongo? Irgendwie will es Michaela Richter nicht ganz einleuchten, was er da soll. Nation-building, Demokratieaufbau? Das sagt ihr nichts. Wenn sie ihren Mann schon ans andere Ende der Welt schicken, sollte es einen handfesten Grund haben. »Wahrscheinlich haben wir wirtschaftliche Interessen dort unten«, sagt sie. Es hört sich trotzig an, aber auch so, als würde es sie ein wenig beruhigen. Interessen hat doch jeder. Wirtschaftliche zumal.

Es mag eine zu einfache Erklärung sein, aber Michaela Richter hat auch keine Zeit, sich mit komplizierten politischen Situationen in Ländern auseinander zu setzen, von deren Existenz sie bis vor kurzem nur eine verschwommene Vorstellung hatte. Seit ihr Mann nach Kinshasa ging, ist sie doppelt beschäftigt. Sie muss Mutter und Vater sein, sie muss herrschen, richten und verteilen, loben, kochen, den Rasen mähen – und wenn das Auto zickt, muss sie selbst zur Werkstatt.

Seit militärische Auslandseinsätze international häufiger werden, interessieren sich auch Militärsoziologen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr dafür, wie es den Frauen und Familien der Soldaten während der Einsätze ergeht. Ihre Studien zeigen, dass die Belastung der Familien höher ist, als die der Männer im Feld. Während sich die Soldaten nicht um die Dinge des Alltags kümmern müssen, weil andere für sie kochen, putzen, waschen, bleibt an den Frauen zu Hause die doppelte Arbeit hängen. Und mit ihren Sorgen sind sie allein.

»Hätte ich doch bloß nicht auf ›Software aktualisieren‹ geklickt. So etwas bringt nur Unheil!«, ärgert sich Michaela Richter. Der Computer streikt. Normalerweise ruft sie in solchen Augenblicken: »Christoph« und überlässt das Problem ihrem Mann.

Weihnachten zu Hause?

Der Minister hat es versprochen

Dieses Mal aber muss Michaela Richter den Kampf alleine führen. Nach stundenlangen Gefechten in den Tiefen der Systemeinstellungen lässt sich das Programm neutralisieren. Immerhin ein kleiner Triumph und ein Zeitvertreib. Es mag ermüdend sein, sich mit allem selbst auseinander setzen zu müssen, aber fast jede Beschäftigung ist auch ein Mittel gegen die Unruhe, die sich eingenistet hat, seit ihr Mann im Einsatz ist.

Gerade jetzt wünscht sie sich in ihren alten Beruf zurück. Sie hat immer gern gearbeitet. Auch als das Kind kam, hat sie nicht ans Aufhören gedacht. Die Kleine war in der Krippe gut aufgehoben. Arbeit, Familie, die Eigentumswohnung vom eigenen Verdienst. Sie hatte das Leben im Griff. »Ich wollte nie eine Glucke sein«, sagt sie. Aber irgendwann steht jede Soldatenfamilie vor der Wahl, eine Fernbeziehung zu institutionalisieren oder ständig umzuziehen. Dabei bleibt der Beruf der Frau fast immer auf der Strecke. »In gewisser Weise bin ich so in die Abhängigkeit gerutscht«, sagt Michaela Richter.

Sie erinnert sich gut an den ersten Schock. Sie und ihr Mann hatten im Esszimmer gesessen bei einer Tasse Kaffee. Wie jeden Tag, wenn er nach Hause kommt. Es ist ihr Ritual. Fünf Minuten Ruhe. »Wie war dein Tag?« O.k. »Wie deiner?« – »Es wird wahrscheinlich der Kongo sein.« Draußen war Frühsommer. Die Beete im Garten übervoll bepflanzt, die Büsche sehr grün belaubt. Wer einen Soldaten heiratet, der weiß, was auf ihn zukommt.

Drei Monate ist er jetzt schon weg. Sie und ihre Tochter haben sich ganz gut eingerichtet im Leben zu zweit. Tanja ist schon zwölf. Alt genug, um zu verstehen, was ihr Vater tut. Andere Mütter, deren Männer im Auslandseinsatz sind, basteln mit ihren kleinen Kindern Kalender, um ihnen begreiflich zu machen, wie lange vier Monate dauern. Aber Tanja ist cool. Sie weiß, was läuft. Nur ab und an sorgt sie sich, dass er vielleicht zu ihrem Geburtstag kurz nach Weihnachten noch nicht zu Hause sein könnte. Und wenn sie im Fernsehen etwas über den Kongo bringen, hört sie gut zu. Weihnachten, das hat sich wohl über die Jahrhunderte nicht geändert, wollen Soldaten zu Hause sein. Minister Jung hat es versprochen. Zum Fest, hat er gesagt, seien die Männer spätestens aus dem Kongo zurück. Michaela Richter quittiert’s mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»Warum hat er nicht angerufen?

Warum? Ist ihm etwas passiert?«

Besser nicht so schnell glauben, was man aus Berlin hört. Solange sie kein Datum kennt, hält sie die Hoffnung nieder. Sechs Monate wäre er Weihnachten weg gewesen. Eine lange Zeit. »Mach doch nicht so«, hat ihr Bruder zu ihr gesagt, »der kriegt doch doppelte Besoldung.« Auf Verständnis der »zivilen« Welt können Soldatenfrauen nur selten hoffen. Immerzu würde ihnen vorgerechnet, was sie alles bekämen vom Staat. »Der hat doch keine Ahnung«, faucht Michaela Richter noch heute zurück. »Gerade mal 66 Euro mehr bekommen sie pro Tag.« Ignoranz, zumal die der eigenen Familie, schmerzt. Wenn es ihr einmal wieder zu viel wird, flüchtet sie zur Nachbarin. Die hat sich als echter Glücksfall erwiesen.

Viele Soldatenfrauen finden keinen rechten Anschluss, wenn ihre Männer im Ausland sind. Sie sehen sich von Paaren umzingelt und fürchten ständig, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Wirklich verstanden fühlen sie sich nur von Frauen in derselben Situation. Sie treffen sich in den Chatrooms und Foren der Selbsthilfeorganisation Frau zu Frau. Von Alltagsproblemen bis zur Beziehungsdiskussion wird dort alles durchgekaut. Irgendjemand ist immer online und gibt Antwort. »Manchmal muss ich über die Mädels lachen«, sagt Michaela Richter. »Unglaublich, welche Kleinigkeiten schon Krisen auslösen können.« Aber trotzdem schaut sie immer wieder rein, um zu sehen, was die anderen umtreibt.

Sie könnte sich auch direkt an die Bundeswehr wenden. Seit einigen Jahren betreibt die Bundeswehr ein relativ dichtes Netz von Familienbetreuungszentren. Alle vier bis sechs Wochen treffen sich dort Angehörige von Soldaten im Auslandseinsatz für einen halben Tag, bekommen die neuesten Nachrichten aus den Einsatzgebieten und können ihre Fragen loswerden. Es wird Kaffee getrunken, gegrillt, die Kinder werden im Spielzimmer betreut, während die Erwachsenen besprechen, ob der Sohn, Bruder, Mann – oder seltener die Tochter, Schwester, Frau gut versorgt wird. Wie sie schlafen, was sie essen, wo sie sich waschen oder wann sie telefonieren können. Es sind die Banalitäten des Alltags, die am meisten interessieren und die die größten Krisen auslösen.

Aus einem verpassten Anruf kann eine Panikattacke werden, die dann das Sorgentelefon des Betreuungszentrums klingeln lässt: Er hat nicht angerufen. Warum hat er nicht angerufen? Ist ihm etwas passiert? »Meistens melden sich Angehörige bei uns, weil beim Telefonieren etwas schief gelaufen ist«, sagt Andreas Grebl vom Betreuungszentrum München. Informationen sind das beste Beruhigungsmittel. Aber häufig sind sie nicht zu bekommen. »Wie war dein Tag?«, fragt Michaela Richter ihren Mann, den Oberstleutnant am Telefon oft aus Reflex. »Warum fragst du mich denn das schon wieder?«, gibt er zurück. Er kann nicht antworten. Details seiner Arbeit sind tabu. Sie vergisst es immer wieder.

Trotz aller Bemühungen um ein hilfreiches Angebot sind die Betreuungszentren der Bundeswehr für viele Frauen nicht die erste Anlaufstelle. Denn dort treffen sie meistens auf Männer, Soldaten gar, und denen trauen sie nicht unbedingt zu, am Familien-Klein-Klein oder der aktuellen Beziehungskrise interessiert zu sein. Und ernsthafte Krisen gibt es natürlich. Auch Trennungen. Rund 26 Prozent der nicht verheirateten Paare und drei Prozent der Eheleute trennen sich laut einer Studie nach einem Einsatz. Diese Gefahr schieben die Frauen von sich. »Wenn das passiert, hat es schon vor dem Einsatz gekriselt«, sagt Michaela Richter. Die Bundeswehr selbst möchte Ärger zu Hause am liebsten ganz vermeiden: Der lenkt nur die Männer im Feld ab. Je schlimmer die Probleme daheim, desto schlechter die Leistungen im Einsatz. Familienbetreuungszentren entstehen also nicht nur aus sozialem Verantwortungsgefühl, sondern auch aus handfesten Eigeninteressen. Michaela Richter wartet darauf zu erfahren, wann ihr Mann nach Hause kommt. Damit dieser Ausnahmezustand aufhört. Damit sie Weihnachten feiern können. Damit sie den Urlaub nachholen und sich wieder ans Leben zu dritt gewöhnen können. Vielleicht wird es einfach, vielleicht aber auch schwer. Für manche Paare fangen die Schwierigkeiten erst nach der Rückkehr an.

* Namen von der Redaktion geändert

 

Ein Brief vom anderen Ende der Welt: Sind die Gründe der Politik wirklich gut genug, um Michaela Richters Mann dorthin zu schicken?

 

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